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Tödliche Wahrheiten als Fiktion erzählt

OP-Buchtipp: Lizzie Doron: „Who the Fuck is Kafka“ Tödliche Wahrheiten als Fiktion erzählt

Die Leipziger Buchmesse, die vom 12. bis 15. März stattfindet, legt ihren Schwerpunkt auf Israel. Unter den Autoren, die nach Leipzig kommen, ist neben Amos Oz und David Grossmann auch die Pazifistin Lizzie Doron.

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Der neue Roman der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron ist nur auf Deutsch erschienen.

Quelle: Guy Gilad

Das 50-jährige Bestehen der deutsch-israelischen Beziehungen ist in diesem Jahr Anlass für den Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse. Dazu kommen viele Autoren aus Israel nach Leipzig, darunter Lizzie Doron. Die 62-Jährige lebt in Tel Aviv und gehört zu den gesellschaftskritischen Schriftstellern des Landes.

Im Dezember berichtete sie in Tel Aviv vor deutschen Journalisten, dass sie in Israel keinen Verlag gefunden habe, der ihren neuesten Roman auf Hebräisch veröffentlichen wollte. „Who the Fuck is Kafka“ lautet der Titel ihres kürzlich erschienenen Buches in deutscher Sprache. „Mein Buch wird in einer Sprache veröffentlicht, die ich nicht spreche“, erzählte Doron auf Englisch.

In dem Buch geht es nicht um Franz Kafka. Doron thematisiert die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern und führt den Leser an den Nahost-Konflikt heran und den Alltag des jüngsten Gaza-Kriegs im Sommer.
Die Autorin und Friedensaktivistin verwebt dabei Persönliches mit Fiktion. Im Mittelpunkt stehen sie und ein arabisch-palästinensischer Journalist, der in Ost-Jerusalem lebt.

Widersprüche und Skurrilitäten im im Heiligen Land

„Nadim“, so nennt die Autorin den Palästinenser, den sie in dem Roman auf einer Friedenskonferenz in Rom trifft, ist voller Vorurteile gegenüber Israelis. Und Lizzie Doron wiederum voller Misstrauen gegenüber Nadim, obwohl er zu ihrem Freund wird. Trägt Nadim einen Sprengstoffgürtel?, fragt sich die Autorin in ihrem Roman und ertappt sich dabei, wie sie selbst in Klischees denkt, wofür sie selbst andere kritisiert. Nein, Nadim trägt keinen Sprengstoffgürtel.

Er hat nur seine Reiseunterlagen mit Isolierband auf seine Brust geklebt, damit sie niemals verloren oder gestohlen werden können. Denn die Papiere bedeuten für ihn in Israel die Existenz – ansonsten müsste er mit seiner Familie im Gaza-Streifen leben. Es sind Beispiele wie diese, die den Leser schmunzeln lassen, aber gleichzeitig die Widersprüche und Skurrilitäten im Alltag der Menschen im Heiligen Land widerspiegeln. Der Umgang mit der alltäglichen Terrorgefahr – Doron beschreibt ihn mit Selbstironie.

Bezeichnend sind auch die Szenen der gegenseitigen Besuche. Als Nadim bei seiner Freund-Feindin zuhause klingelt, meldet sich kurze Zeit der Sicherheitsdienst des Hauses. Der Besucher mit Ost-Jerusalemer Autokennzeichen könne sicher nur ein Klempner sein. Ob ein Rohr gebrochen sei?, fragt der Sicherheitsmann. Und die Schriftstellerin kontert: „Bei Dir ist ein Rohr gebrochen.“

Schweigen der Eltern als Antrieb zum Schreiben

Der Leser will so manches Mal wissen, was ist fiktiv, was ist tatsächlich in den Begegnungen mit dem Palästinenser passiert? Dorons eigentliches Ziel war, ein Tagebuch über den Alltag eines in Ost-Jerusalem lebenden Palästinensers zu schreiben, aber ihr Interview-Partner zog sich irgendwann zurück – so entstand der Roman – dank einer großen Prise Humor leicht lesbar trotz zum Teil schwerer Kost.

Der Titel des Buches bezieht sich übrigens auf eine Frage von Nadim: Nachdem ihm eine intellektuelle Israelin ständig mit Kafka verglich, fragte der Akademiker seine Freundin Lizzie „Who the fuck is Kafka?“ (Wer verdammt, ist Kafka?)

Die Linguistin Doron veröffentlichte mit 45 Jahren ihr erstes, in viele Sprachen übersetztes Buch „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“. Sie erhielt mehrere Preise und wurde eine, wenn nicht „die“ wichtigste literarische Stimme der Kinder von Überlebenden der Schoa. Das Schweigen, die Ohnmacht ihrer Eltern-Generation habe sie zum Schreiben bewogen, erklärte sie.

  • Lizzie Doron: „Who the Fuck is Kafka“, Deutscher Taschenbuchverlag, 254 Seiten, 14,90 Euro.

von Anna Ntemiris

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