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Melancholischer Poet mit Rock-Röhre

Thomas Godoj in Dagobertshausen Melancholischer Poet mit Rock-Röhre

2008 gewann Thomas ­Godoj souverän die fünfte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Er wollte sich RTL aber nicht unterwerfen. Seither arbeitet er alleine an seiner Musikkarriere.

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Wohnzimmer-Atmosphäre in der Eventscheune: Vorne sitzt Timo Brouwers, hinten Thomas Spindeldreher, dazwischen verausgabt sich Thomas Godoj.

Quelle: Tobias Hirsch

Dagobertshausen. „Ja, mich gibt‘s noch“, sagt Thomas Godoj mit Blick auf „DSDS“. Fast zehn Jahre ist es her, als er in der RTL-Castingshow vor einem Millionenpublikum mehrere Wochen im Rampenlicht stand. Souverän hatte der Sänger mit der wandlungsfähigen Rock-Röhre damals die Show für sich entschieden.

Eine Garantie für eine eigene Solo-Karriere ist dies aber keineswegs, wie ein Blick auf die Gewinner dieser TV-Formate zeigt. Kaum einer schafft es wirklich, zumal die Sieger, wie Godoj einmal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählte, einen harten Managementvertrag unterschreiben müssen: „Das ganze Konzept zielt darauf ab, dich ein Jahr mitzunehmen, und das war’s. Aufgebaut wird man da nicht, da ein Jahr später schon Platz für den nächsten Gewinner gemacht werden muss. Mit dem soll man dann nicht konkurrieren.“

Dennoch würde er „DSDS“ wieder machen, die Show habe ihm geholfen, bekannt zu werden. Und der damalige Hartz-IV-Empfänger kann inzwischen von der Musik leben. Der heute 39-jährige Sänger hat sich in zehn Jahren eine treue Fangemeinde erspielt, die sich kaum eines seiner Konzerte entgehen lässt. Deutlich wird dies am Donnerstagabend auch in der Eventscheune. „Wer hört das zum ersten Mal?“, fragt er nach einem Song. Einige Hände gehen in die Höhe: „Oh, schön, neue Menschen.“ Und wenn er sagt, dass er seit zehn Jahren toure, es aber keiner mitkriege, gibt es Widerspruch aus den ersten Reihen: „Ja, keiner, außer meiner festen Fanbasis.“

Nun ist er auf Einladung von Vila Vita Marburg in Dagobertshausen, freut sich, dass das Konzert mit 300 Besuchern ausverkauft ist und sagt schlicht: „Danke.“ Viele Besucher singen die oft melancholischen, meist poetischen und sehr authentischen Lieder textsicher mit. Godoj trägt sein Herz auf der Zunge, wenn er von Verlusten, Trennungen, von Armut singt.

Apropos Dagobertshausen. Als man ihm von dem Ort erzählt habe, habe er geglaubt, dass ihn die Tourleitung auf den Arm nehmen wolle. „Was mache ich da? Schwimme ich da im Geld?“ Er habe nie geglaubt, dass es ­einen solchen Ort gebe – bis er das Ortsschild gesehen habe.

Begleitet wird Thomas Godoj von zwei ausgezeichneten Gitarristen: Der Fingerstyle-Gitarrist Timo Brauwers hatte das Konzert mit eigenen Songs besinnlich eröffnet, später gesellte sich Thomas Spindeldreher dazu. Das Konzert bleibt insgesamt ruhig – „für die besinnliche Zeit“, sagt Godoj. Er, der Rocker unter den DSDS-„Superstars“, hat den Stecker aus dem Verstärker gezogen, spielt seine Songs unplugged.  Das gibt seiner rauen, ziemlich wandlungsfähigen Stimme noch mehr Gewicht. Aber es ist ein Spagat, denn eigentlich kommt Thomas Godoj von der Rockmusik und bisweilen vermisst man einen treibenden Bass, ein dynamisches Schlagzeug, eine fetzige E-Gitarre.

Knapp eineinhalb Stunden spielt Thomas Godoj, singt und erzählt von seinen Hoffnungen, seinen Träumen, von einer Welt in der er gerne leben würde. Dazu gehört es, Menschen in Not zu helfen – so wirbt er offen für die Organisation Rescue Ship, die im Mittelmeer Bootsflüchtlinge vor dem Tod rettet. „Glaubt ihr, dass die (Flüchtlinge) sich einfach so in ein Schlauchboot setzen, weil sie Lust darauf haben?“ Es werde über den Tod im Mittelmeer berichtet, aber kaum einer tue etwas. „Das ist Politik , die find‘ ich scheiße“, sagt er. Er träumt von einer Welt „ohne Krieg und Gewalt und so 'nem Mist“.

Genau diese Gefühle transportiert er auch in seinen Songs. Und genau dafür lieben ihn seine Fans. Im Radio wird Thomas Godoj selten gespielt – das hat nichts mit der Qualität seiner Songs zu tun. Er ist – ohne eine große Plattenfirma im Rücken – ein Außenseiter. Damit ist er nicht alleine in der deutschen Musikszene, die von austauschbarem Pop-Gedudel ohne Ecken und Kanten dominiert wird. Seine deutschsprachigen Alben produziert er selbst. Ein neues Studioalbum ist geplant, wieder  mit einer Crowdfunding-Aktion. Zweimal ist ihm dies bereits gelungen: Seine Fans geben ihm Geld, damit er eine neue Platte machen kann.

Es wird ihm vermutlich gelingen, diesem Singer-Songwriter mit sozialem Gewissen. Sein letzter Song in der stürmisch georderten Zugabe heißt „Helden gesucht“.

von Uwe Badouin

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