Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
These, Antithese, Prothese

Kabarettherbst These, Antithese, Prothese

Mit seinem Programm „bisjetzt“ bot der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer im KFZ ­Satire mit philosophischem Tiefgang

Voriger Artikel
Vaupel: "Historischer Stadtumbau" in Marburg
Nächster Artikel
Liebesroman kommt auf die Kinoleinwand

Ein Wiener in Marburg: Der Kabarettist Alfred Dorfer präsentierte im KFZ sein aktuelles Programm „bisjetzt“.Foto: Benjamin Kaiser

Marburg. „Zuweilen war ich es leid, den politischen Tagesdebatten hinterher zu hecheln und sie zu kommentieren“, erklärte Alfred Dorfer. Dass es nicht immer politisches Kabarett sein muss, um das Publikum geistig zu fordern, zeigte der Österreicher auf beeindruckende Weise. Davon konnten sich am Freitagabend 120 Zuschauer im Marburger KFZ überzeugen.

„bisjetzt“ ist Dorfers sechstes Soloprogramm. Darin geht der Wiener bewusst weg von der ­Tagespolitik und präsentiert ­eine satirische Revue des eigenen Lebens.

In diesem humoristischen und scharfsinnigen Rückblick gelingt es dem Künstler, seine eigene Biografie mit den großen philosophischen Fragen des Lebens zu verbinden. Fragen, die sich die meisten Menschen schon einmal gestellt haben dürften. Dabei berichtet Dorfer Weltgeschichtliches aus seiner Kindheit: „Als ich eingeschult wurde, brach 68 der Generalstreik in Frankreich aus. Ein Zusammenhang, der von den Geschichtsbüchern bis heute übersehen wird“, erklärt der Wiener vollmundig.

Man könne sich den Lebensweg als das Erklimmen eines steilen Berges vorstellen. Nur um auf der Spitze zu bemerken, dass es am gegenüberliegenden Berghang einen Lift gegeben hätte. Allerdings sei dies nicht so schlimm, denn „der Weg ist ja das Ziel“, ruft Dorfer dem Publikum von der metaphorischen Bergkuppe zu. Aber: „Wenn der Weg das Ziel ist, ist das Ziel dann weg?“

Dorfer hält inne, lächelt süffisant und sagt: „Für die Pause oder den Heimweg!“ Der Satiriker lässt sein Publikum allein mit diesen, seinen Gedanken. „Ich denke, dass ich als Satiriker den ‚Stein‘ beim Zuschauer nur ins Rollen bringen kann. Wo er letztlich hinrollt, liegt nicht mehr in meiner Macht“, sagt er im Gespräch.

Ist der Aphorismus „cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) zutreffend? „Wenn das stimmt, warum existiert dann mein dummer Hausnachbar?“, gibt er die Antwort. Wo der Philosoph Descartes nicht hilft, muss halt Hegel herhalten, um Licht ins Dunkel zu bringen. Doch auch die Dialektik sei nicht abendfüllend, und so klagt der Österreicher: „These, Antithese, Prothese!“

Was nach dem Tod kommt? Das Jenseits sei eine ewige Kreuzfahrt auf einem Schiff, an dessen Deck Platon, Stalin und Napoléon Bonaparte kriegerische Gesellschaftsspiele spielen und auf ihr Leben zurückblicken. Der Erzengel Gabriel sei der Bordmanager und Lucifer versuche, in einer Therapiegruppe mit Maria und Josef zu ergründen, was sein traumatischstes Weihnachtsfest war.

Es sind nicht nur diese skurrilen Szenarien, die „bisjetzt“ sehenswert machen, sondern auch Dorfers schauspielerisches Talent. Immer wieder schlüpft der Satiriker in verschiedenste Charaktere, die ihm im Diesseits und vermeintlichen Jenseits begegnet sind. Am Ende des Abends stehen wenig Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Klar, jeder müsse seinen eigenen Berg finden und erklimmen.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr