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Theaterwelt blickt auf Georg Büchner

Festival in Gießen Theaterwelt blickt auf Georg Büchner

Georg Büchner und kein Ende: Aus Anlass des 200. Geburtstags des Schriftstellers warfen internationale Theatermacher einen Blick auf das Werk des Vormärzautors. Das Festival "Büchner International" endete am Sonntag.

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Mit einer getanzten „Woyzeck“-Version gastierte das südkoreanische Sadari Movement Laboratory bei dem Festival „Büchner International“ in Gießen.Foto:Christa Cowrie

Gießen. Das Programm des Festivals „Büchner International“ mit Beiträgen unter anderem aus Brasilien, Japan, Südafrika und Südkorea konnte sich sehen lassen. Vorträge, Performances und zahlreiche Inszenierungen - allein für das Hauptprogramm wurden aus 350 Bewerbungen acht Stücke ausgewählt - gaben einen Überblick darüber, wie Künstler heute mit den Werken eines Autors aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts umgehen.

Doch wie haben sich die Theaterleute Georg Büchner, der einige Zeit in Gießen studiert hat, angenähert? Das Dramenfragment „Woyzeck“ stand allein fünfmal auf dem Programm wie etwa die „Woyzeck Version Fukushima“ des japanischen Seiryu Theaters oder die südkoreanische Interpretation des Sadari Movement Laboratorys. Daneben gab es auch einen „Naked Lenz“ vom Theater Dortmund.

Die Fukushima-Version des Dramas um den Gutmenschen Franz Woyzeck, machte deutlich wie zeitgemäß ein solches Werk auf die Bühne gebracht werden kann.

Die Inszenierung von Atsuya Tanaka verbindet die ursprüngliche Handlung mit der japanischen Atomkatastrophe. Woyzeck gehört zu den Aufräumarbeitern am Atomkraftwerk und geht an seiner Naivität, die ihn diese Arbeit zugunsten seiner Braut Marie annehmen lässt, zugrunde. Vor Gericht muss er sich schließlich für den Mord an ihr verantworten.

Besonders betörend an dieser Variante, die zweimal präsentiert wurde, war die gespenstische Form der Inszenierung. Regisseur Tanaka hat den Protagonisten in einen Strahlenschutzanzug gesteckt und strukturiert die Handlung durch die Geräuschkulisse eines Geigerzählers. Ergänzt um ein steriles Bühnenbild aus großen Plastikfolien entstand ein Klima der Ödnis und Menschenferne.

So richtig dämonisch wurde es beim südkoreanischen „Woyzeck“, der als modernes Tanzstück auf hohem internationalem Niveau dargeboten wurde. Besonders beeindruckend war das Bühnenbild, denn Regisseur Do-Wan Im hat seinen Akteuren jeweils bloß einen Stuhl in die Hand gegeben.

Schlicht, doch famos, denn das Ensemble nutzt das Mobiliar nicht nur dazu, Büchners „Position zwischen den Stühlen“ zu versinnbildlichen, sondern auch, um den Raum zu strukturieren und ihm Tiefe zu geben. Im Verbund mit düsteren Lichteffekten und spritzigen Choreographien ist eine zeitlose Inszenierung auf hohem internationalen Niveau entstanden, die die Randposition des naiven gesellschaftlichen Außenseiters tänzerisch pointiert. Kurzum, es war ein vielseitiges und ansprechendes Programm zu erleben, das deutlich gemacht hat, wie aktuell Georg Büchners Arbeiten weltweit bis heute sind und wie kreativ die Zugänge seien können. Kurzum und im doppelten Wortsinn: Büchner und kein Ende.

Ganz anders dagegen präsentierte das Theater Dortmund „Naked Lenz“. Regisseur Martin Laberenz führte die Erzählung „Lenz“ und David Cronenbergs Filmadaption von William S. Burroughs Roman „Naked Lunch“ sehr fruchtbar und geradezu furchterregend zusammen.

Bei ihm wurde die Bühne zum Publikumsraum, in dem die Zuschauer sehr direkt Zeuge werden von einem rasanten Trip in untergründige Gefühlswelten, der mit viel nackter Haut und reichlich Blut daherkommt. Trotzdem (oder gerade deswegen?) ein gelungenes Stück Theater, das die Gäste den sprichwörtlichen Wahnsinn des Lenz hautnah erleben ließ.

von Stephan Scholz

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