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Theater macht hörbar, was zu sehen ist

Projekt von Blista und Landestheater Theater macht hörbar, was zu sehen ist

Im Film und im Fernsehen ist die sogenannte Audiodeskription inzwischen weit verbreitet. Im Theater dagegen ist sie neu. Das Hessische Landestheater startet ein in Hessen einzigartiges Projekt.

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Freuen sich auf die Live-Audiodeskription am Landestheater (oben von links): Thorsten Büchner und Claus Duncker von der Blista, Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach, Chefdramaturg Franz Burkhard, Intendant Matthias Faltz und die Blista-Lehrerin Monika Sassmannshausen.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Die Deutsche Blindenstudienanstalt und das Hessische Landestheater Marburg stellten am Dienstag ein neues Projekt vor, das Blinden und Sehbehinderten den Zugang zu Theaterangeboten erleichtern soll. Die sogenannte Audiodeskription. Das ist ein Service, der insbesondere blinden und sehbehinderten Menschen das beschreibt, was im Film im Bild  oder im Theater auf der Bühne zu sehen ist.

Im deutschen Fernsehen gibt es die Audiodeskription seit dem 11. Oktober 1993. Damals strahlte das ZDF „Eine unheilige Liebe“ als Hörfilm aus. Für Kinos gibt es inzwischen sogar eine App, die Spielfilme für Blinde leichter nachvollziehbar macht.

Am Theater ist eine solche Audiodeskription sehr viel komplizierter umzusetzen: Film und Fernsehen können die Tonspuren nach Fertigstellung des Films in Ruhe produzieren, am fertigen Film ändert sich nichts mehr. Am Landestheater wird alles live gesprochen, denn ­jedes Aufführung ist ein Live-­Ereignis.

In das Abenteuer Live-Audiodeskription stürzt sich Chefdramaturg Franz Burkhard ( Foto: Badouin) am Mittwoch, 11. Januar, – und zwar gleich mit einem unglaublich schwierigen Stück: Molières ­Komödie „Der eingebildete Kranke“, die Regisseur Marc Becker am Landestheater als turbulente, sehr rasant gespielte­ Slapstick-Komödie in Szene gesetzt hat, die aufgrund des durchgehend hohen Tempos nur wenig Raum für Kommentare lässt. Die Komödie ist eine echte Herausforderung.

Herausfordernd sind auch die Texte, die sich Burkhard erarbeiten muss. Er muss Handlung, Aussehen der Darsteller, Körpersprache, Mimik, Kostüme und Bühnenbild knapp und präzise und vor allem wertfrei beschreiben. Seine Sätze müssen zudem in die Pausen zwischen den Dialogen passen.  

Wie Intendant Matthias Faltz und Dramaturg Burkhard erklärten, will das Hessische Landestheater ab Januar pro Monat zwei Aufführungen mit Live-­Audiodeskription anbieten. ­Geplant sind neben Molières „eingebildetem Kranken“ noch Brechts Polit-Farce „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, Shakespeares große Tragödie „Romeo und Julia“, die im Februar Premiere hat, und im Sommer das Open-Air-Stück „Luther“. Vor jeder Aufführung wird es für Blinde und Sehbehinderte, die das Angebot nutzen wollen, ab 19 Uhr eine Einführung zur Audiodeskription geben.

„Das neue Angebot ist wichtig für die Inklusion und die Integration von Blinden und Sehbehinderten“, freut sich Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach. „Ich bin sehr gespannt, wie es angenommen wird.“

Burkhard hatte die Idee schon lange

Die Deutsche Blindenstudienanstalt (Blista) unterstützt das Projekt mit 20 Empfangsgeräten und einer Sendeanlage für den Sprecher. Blista-Direktor Claus Duncker betont: „Es geht um gleichberechtigte Teilhabe­ für blinde und sehbehinderte­ ­Menschen. Bei der Filmförderung ist die Audiodeskription inzwischen vorgeschrieben. Ich finde es toll, dass das Marburger Theater einsteigt.“

Die Idee hatte Monika Sassmannshausen, Lehrerin an der Carl-Strehl-Schule und Blista-Expertin für Live-Audiodeskription. Es gebe nicht viele deutsche Bühnen mit einem solchen Angebot – anders als etwa in Spanien, wo jedes Theater Audiodeskription habe. Leipzig, Braunschweig und Bielefeld zählt sie auf. „Ich bin sehr froh, dass es nun in Marburg geklappt hat. Es ging alles sehr unkompliziert.“

Unkompliziert war es auch, weil Chefdramaturg Burkhard sich schon vor zehn Jahren als Hochschullehrer intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wie man Theater objektiv beschreiben kann.

Thorsten Büchner von der Blista ist zuversichtlich, dass das Angebot angenommen wird. In Marburg leben rund 1000 Blinde und Sehbehinderte, die durch die Live-Audiodeskription die Möglichkeit erhielten, Theater neu zu erleben.

von Uwe Badouin

 
 
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