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Theater ganz anders: Rätsel, Snack und Spiele

Marburger Theatersommer Theater ganz anders: Rätsel, Snack und Spiele

Im Zentrum des Marburger Theatersommer steht eindeutig Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Daneben gibt und gab es kleine überraschende Entdeckungen. Ein Streifzug.

Kultur. Was würden Sie tun, wenn Sie allein im Zimmer eines Fremden wären? Und Sie dazu noch das unheimliche Gefühl beschleicht, beobachtet zu werden?

Eine einzigartige Theatererfahrung bieten die Künstlerinnen aus den Studiengängen Angewandte Theaterwissenschaft, Dramaturgie und Bühnenbild der Hessischen Theaterakademie mit „Site of Fiction”.

Die „Illusionsmaschinerie nach E.T.A. Hoffmann” besteht aus einem voll eingerichteten Raum, in den die Zuschauer jeweils einzeln hereingebeten werden. Was sie dort tun, bleibt ihnen überlassen. Möglichkeiten gibt es viele: das auf dem Bett liegende Fotoalbum durchblättern, die Bücher im Regal betrachten, das Chat-Protokoll auf dem Computerbildschirm lesen, jemanden anrufen, eine Kassette in die Stereoanlage einlegen.

Jede Aufführung ist anders, der Zuschauer bestimmt, was passiert. Der darf seine Neugierde ausleben oder sich den seltsamen Empfindungen hingeben, die von dem Spiegel ausgehen. Wer schaut mir da zu? Von wie vielen Personen werde ich beobachtet? Ist das hier ein Rätsel? Ein Verhaltensexperiment? Nach zehn Minuten ist der an Hoffmanns „Sandmann” orientierte Spuk vorbei. Oder doch nicht? Was dann passiert, soll hier nicht verraten werden - es lohnt sich, das selbst herauszufinden!

Im Gegensatz zur „Site of Fiction”, dem sich jeweils ein Zuschauer alleine stellen muss, war die in der Nacht zum Sonntag zerstörte „Büchnermaschine” der britisch-spanischen Performance-Gruppe „me and the machine“ auf dem Marktplatz ein richtiges Gruppenerlebnis. Einer hat sich immer gefunden, der einen Euro investiert, um aus dem stündlich wechselnden „Kultur-Menü” einen Leckerbissen aussuchen zu dürfen. Der wurde dann aus einem echten Snackautomaten heraus präsentiert.

Nach der mehrsprachig vom Band laufenden Aufforderung „Kulturverkauf. Bitte Geld einwerfen” hatte der Zuschauer (Kunde) beispielsweise die Wahl zwischen einem ökologischen Shake, einem Fortschritts-Cocktail, einem Kultur-Cocktail oder einem Arbeits-Sandwich. Entschied er sich für Letzteres, erhielt er eine von hämmernden und tretenden Puppenbeinen zerquetschte, mit einem Spielzeugauto überfahrene und so völlig zerbröselte Scheibe Toast im Brotbeutel - wie bei einem echten „Fressautomaten” natürlich unten durch die Klappe. Büchner wäre von dieser innovativen und witzigen Präsentation seines Lebens und Werks sicher begeistert.

Die „Büchnermaschine“ wird leider nicht mehr in Marburg zu erleben sein - nach der Reparatur geht sie wie geplant nach Gießen.

Auch bei „Stage F(r)ight” - einem Projekt im Rahmen des FSJ Kultur am Landestheater - war das Publikum gefragt. In drei Spielrunden wurden aus sechs Kandidaten die Gewinner bestimmt. Die Zuschauer mussten bei Spielen wie „Montagsmaler” und „Pantomime” mitraten oder bestimmten per Wertungskarte, wer den Punkt etwa beim „Poetry Slam mit Geräuschkulisse” holt. Die Stimmung lag irgendwo zwischen Party-Spiele-Abend und Kindergeburtstag. Medienkritik am Game-Show-Hype wurde nicht betrieben, ironisch gebrochen wurde die Anordnung einzig durch die Kostüme und die schwarz-weiße Schminke der Showmaster (Nina Herz und Jonathan Bär). Richtig komisch wurde es immerhin in der letzten Disziplin - der „Powerpoint-Karaoke”. Dabei präsentierten die Kandidaten eine ihnen unbekannte Multimedia-Show etwa über Wassily Kandinskys Kunsttheorie.

„Site of Fiction“ ist bis Freitag jeweils ab 19.30 Uhr in der Galeria Classica zu erleben.

von Vera Zimmermann

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