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Theater an fremdem Ort

German Stage Service spielt „Displaced“ Theater an fremdem Ort

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, diesen Spruch prägte einst Karl Valentin. Das jüngste Stück der Theatergruppe „german stage service“ präsentiert viele Facetten des Fremdseins und des Fremdelns.

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Ein fröhliches Liedchen zum im Euro geeinten Europa trällerten die Darsteller – ein Europa, das im Umgang mit Flüchtlingen alles andere als geeint ist.

Quelle: Veranstalter

Marburg. „Was mit Flüchtlingen“ machen, das sei jetzt quasi eine Goldgrube, da gebe es richtig Fördermittel, wenn man ein paar elternlose afghanische Kinder mit Knopfaugen auf die Bühne stellt, freut sich eine Figur im Stück.

Und tatsächlich ist auch „Displaced – Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ mit Fördermitteln bedacht worden. Einfachen Antworten und billiger Betroffenheit sind die Akteure aber ausgewichen und haben statt dessen ein vielschichtiges Stück geschaffen, das immer wieder die Perspektive wechselt.

Entwickelt wurde es auf 
Basis von Gesprächen mit Menschen, die irgendwann in ihrem Leben „displaced“, also von ihrem Heimatort verschoben, waren – Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten, die aus der DDR geflohen sind oder jetzt aus Syrien oder Afrika. Die Darsteller –Niyat Mebrahtom, Nisse Kreysing, Anja Simic, Jim Kleuser, Sarah Timm, Laurenz Raschke und Rolf Michenfelder – machen sich ihre Stimmen zu eigen und entwickeln sie weiter. Zusammen sind sie ein vielstimmiger Chor, aus dem immer wieder Einzelne hervortreten.

Ungewöhnlich sind die Orte, an denen das Stück spielt: Es beginnt im Parkhaus im Erlenringcenter. Denn da, wo das Einkaufszentrum heute steht, standen nach dem Zweiten Weltkrieg die Baracken, in denen die Flüchtlinge lebten. Das Publikum, aufgrund der besonderen Spielstätten nur etwa 35 Personen, nimmt dort an einem fiktiven Tisch Platz und lässt sich von dem aus Eritrea geflüchteten Niyat Mebrahtom erläutern, wie es an diesem Ort früher einmal aussah – auch nicht anders als in den Flüchtlingsunterkünften heute.

Große Bandbreite an Gefühle

Ein Manko sind die lauten Straßengeräusche, die das Textverständnis sehr erschweren. Mit einem Reisebus werden die Zuschauer, die selbst Akteure sind, durch die Nacht ins Theater gefahren – eine kleine Reise ins Ungewisse, denn der Theatersaal ist komplett umgebaut, mit engen Gängen, Treppen und kleinen Räumen.

Wie in einer Peepshow schauen die Besucher anfangs auf die Darsteller, die von der Flucht berichten, vom endlosen Warten auf den Schleuser, auf Geld, auf eine Chance. Mit Kuscheltieren, die auf sie herabregnen, ist ihnen nicht zu helfen.

Dann wieder sind die Zuschauer unbehagliche Gäste einer eifrigen Hausfrau, die vom guten Gefühl durch Wohltätigkeit schwärmt. Oder sie sehen zu, wie wohlmeinende Bürokraten Geflüchteten nahelegen, sich doch bitte einen edleren Grund für ihre 
Flucht zu überlegen als einfach nur das Elend. Und in einer 
bizarren Choreographie Verwaltung zum Selbstzweck machen.

Fordernd und demütig, wütend und verzweifelt, resigniert und verständnislos sind die Menschen auf der Flucht, gönnerhaft und überfordert, distanziert und übergriffig die, in deren Land die Flüchtenden wollen. Es gibt beklemmende Momente und absurd komische, laute und stille. Und am Ende sitzt das Publikum selbst in der Peepshow, rund um den jungen Mann, der als Einziger tatsächlich geflüchtet ist und den sie ansehen wie ein seltenes Tier.

Kein Stück, das es dem Zuschauer leicht macht, und das nicht nur, weil er viel Laufen und Stehen muss in den zweieinhalb Stunden Dauer. Auch, weil man sich immer wieder ertappt fühlt, und weil die Ratlosigkeit, wie man all diesen Geschichten und Gefühlen gerecht werden kann, bleibt. Die Absolution, die dem Publikum zwischendurch erteilt wird, ist mehr als schal.

Trotz des Zynismus, mit dem im Stück der Theatermacher die Flüchtlinge als erstklassige Quelle für Fördergelder preist – für diese Inszenierung waren sie gut angelegt.

  • Zu sehen ist das Stück noch am 10., 15., 16., 17. und 18. September sowie am 6., 7., 8. und 9. Oktober jeweils ab 20 Uhr. Karten gibt es unter 06421/62582 oder kontakt@germanstageservice.de.

von Heike Döhn

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