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Terror und Revolution - ein einziger Alptraum

"Der Auftrag" am Hessischen Landestheater Terror und Revolution - ein einziger Alptraum

Heiner Müller, der große DDR-Dramatiker, brachte sein düsteres Stück 1980 als Regisseur selbst auf die Ost-Berliner Volksbühne. Oda Zuschneid hat seine „Erinnerung an eine Revolution“ nun als Alptraum inszeniert - mit dem 13-jährigen Tibor Muth in einer großen Rolle..

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Die Revolution frisst ihre Kinder: Der Arzt Debuisson (Sebastian Muskalla) wird seine Begleiter verraten. Im Hintergrund ist Oda Zuschneid mit Monstermaske zu sehen.Foto: Daniel Angermayr

Marburg. Nein, ein ­Optimist war Heiner Müller (1929 – 1995), einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker, wahrlich nicht. Sein Blick auf die Geschichte war ein düsterer. In seinen späten Stücken türmt er Berge von Leichen auf. Dies gilt im Grunde auch für sein Stück „Der Auftrag“: „Wir haben die Köpfe der Aristokraten geerntet, wir haben die Köpfe der Verräter geerntet“, heißt es darin über die französische Revolution.

Doch wie setzt man sich auf ­einer Theaterbühne mit der französischen Revolution auseinander, in der Ströme von Blut geflossen sind? Wie mit der Sklaverei, in der Ströme von Blut fließen? Regisseurin Oda Zuschneid hat sich für einen Alptraum entschieden – mit dem erst knapp 13-jährigen Tibor Muth in einer großen Sprechrolle.

Die französische Revolution schickt in ihren letzten Tagen den bretonischen Bauern Galloudec (Jan Preißler), den Arzt Debuisson (Sebastian Muskalla), Sohn einer jamaikanischen Sklavenhalter-Familie, und Sasportas (Oda Zuschneid), den Sohn eines Sklaven, nach Jamaika. Sie sollen dort einen Sklavenaufstand anzetteln. Kaum angekommen, hat sich ihr Auftrag erledigt – Napoleon hat die Revolution übernommen, krönt sich zum Kaiser und verwandelt Europa in ein Schlachtfeld.

Und in der Karibik werden die Sklaven geschändet, ausgepeitscht, getötet. Aus Sicht der weißen Herren sind die Schwarzen Tiere, ist ihre Herrschaft gottgegeben.

All das wird (zum Glück) nicht ausgespielt, sondern über Müllers extrem verdichtete Sprache verhandelt, mitleidlos, fast zynisch. In seinem Spätwerk, in dem er sich weit entfernt hat von seinem Übervater Bertolt Brecht, gibt er dem Publikum Blut, Schweiß und Tränen, aber keine Hoffnung: Galloudec und Sasportas wollen den Auftrag erfüllen, Debuisson wird sie verraten.

Oda Zuschneid präsentiert die drei Protagonisten auf einem leeren, weißen Bühnenboden als lebende Tote, die an Halloween eine gute Figur machen würden. Auf ihre Körper und Kostüme sind Skelette aufgemalt, die im Schwarzlicht aufscheinen. Obwohl sie (noch) ­leben, sind sie nur Fratzen des Todes. Begleitet wird die Szenerie von Jan Preißler live mit ­Gitarre und Loop-Machine mit großartiger, aber auch enervierender Musik, die das gespenstische Geschehen betont.

Eingebettet in das Stück über Terror und Tod, Revolution und Verrat ist eine merkwürdige Szene, die Müller als Protokoll eines Traumes bezeichnete: Ein Mann ist in einem Aufzug auf dem Weg zur Nummer 1, um einen Auftrag entgegenzunehmen. Er wird dort – ganz kafkaesk – nie ankommen. Der lange Monolog gehört ganz dem jungen Tibor Muth, der sich großartig schlägt neben den Bühnenprofis.

„Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“ ist ein bedrückendes Stück, das Oda Zuschneid extrem artifiziell und verfremdet in Szene gesetzt hat. Ihre Inszenierung verlangt von den Darstellern und auch vom Publikum extreme Aufmerksamkeit. Wer selten ins Theater geht oder eher klassisches Sprechtheater bevorzugt, wird vermutlich stark irritiert. Wer experimentelles Theater mag, kann um eine spannende Bühnenerfahrung reicher werden.

Weitere Aufführungen sind morgen Abend ­sowie am 10. November mit Stückeinführung und am 21. November mit Audiodeskription.

von Uwe Badouin

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