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Das ganze Wesen in einem Moment

Tanztheater „Dimensionen“ Das ganze Wesen in einem Moment

Kann man noch tanzen, wenn einen die Krankheit ins Taumeln bringt? Was behindert uns – und kann man das immer sehen? Das sind Fragen, denen das Tanztheater „Dimensionen“ nachgeht. Premiere ist diesen Mittwochabend.

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Die Tänzerin und Choreografin Graciela Gonzalez de la Fuente (links) und die an Multipler Sklerose erkrankte Schauspielerin und Musikerin Stefanie Tauber haben ein Tanzstück erarbeitet.

Quelle: Heike Döhn

Marburg. Stefanie Tauber ist Schauspielerin und Musikerin. Seit 2008 lebt sie mit Multipler Sklerose (MS), einer Krankheit, die ihr stückweise die Kontrolle über ihren Körper erschwert. Ob sie weiter fortschreiten wird, weiß die 41-Jährige nicht. Graciela Gonzalez de la Fuente ist Tänzerin, Choreografin und Regisseurin.

Die beiden haben schon vor zehn Jahren bei einer Produktion der Marburger Theatergruppe „german stage service“ zusammengearbeitet. Jetzt erarbeiten sie gemeinsam eine ausgesprochen persönliche Inszenierung, in der sie mit Bewegung, Sprache und Stille nicht nur dem Umgang mit sichtbarer und unsichtbarer Behinderung nachspüren, sondern auch dem, was Tanz eigentlich ist. „Dimensionen – Ich sehe nicht so aus, wie ich mich fühle“ heißt das Stück, das am Mittwoch, 13. September, im Theater im G-Werk uraufgeführt wird.

Tauber hat Mühe beim Gehen, ihr Körper will ihr oft nicht gehorchen. Viele der Dinge, die ihr das Leben erschweren, kann man aber gar nicht sehen, die permanenten „Fehlmeldungen“, die das durch MS geschädigten Nervensystem aussendet. „Es kribbelt beispielsweise im Körper, oder ich habe Taubheitsgefühle“, erzählt sie. Lange habe sie mit ihrem Schicksal gehadert, sei traurig gewesen, beispielsweise darüber, dass sie nicht mehr rennen kann.

Manchen kostet es mehr Kraft als andere

„Es hat einige Jahre gedauert, die Krankheit zu akzeptieren und mein Leben dementsprechend zu organisieren, aber jetzt habe ich das ,Problem‘ abgeschafft – ich bin natürlich beschäftigt damit, aber ich kann noch singen, Ukulele spielen, auf die Bühne gehen – ich habe MS integriert.“ MS sei die Krankheit der 1000 Gesichter, jeder Krankheitsverlauf sei anders, und auch sie weiß nicht, wie sie sich entwickeln wird. „Jede Bewegung ist schwer für mich und kostet zehnmal soviel Kraft wie früher“, sagt Tauber. „Ich habe mir gewünscht, dass eine Tänzerin schaut, was für mich auf der Bühne noch geht“, erzählt die Schauspielerin. So sei sie auf die mexikanische Choreografin gekommen – „und dann kam die Überlegung, das auch auf der Bühne zu tun“.

Dass jemanden etwas mehr Kraft kostet als andere, das kennt auch Graciela Gonzalez de la Fuente. Erst mit 21 Jahren begann sie die achtjährige klassische Ballettausbildung. Ein Alter, in dem die meisten ihre Ballettausbildung bereits beenden. Wie besessen musste sie arbeiten, um ihr Ziel zu erreichen. Heute ist sie überzeugt: „Wenn das ganze Wesen in einem Moment ist, dann kann das auch Tanz sein.“ Wenn Stefanie Tauber sagt, sie müsse sich stets absolut auf das konzentrieren, was sie gerade tut, „dann ist das genau das, was ich im Tanz suche“.

Kein Tanz im üblichen Sinne

Das, was sie auf die Bühne bringen wollen, ist das Ergebnis langer Gespräche und dementsprechend persönlich. Grundlage sind die Biografien der beiden Frauen, auch wenn sich herauskristallisiert hat, dass die Erfahrungen der 61-Jährigen – eine begrabene Identität als Malerin, lebensbedrohliche Erkrankungen – zwar in kleinen „Textinseln“ aufscheinen werden, im Zentrum aber Stefanie Tauber steht. „Wir wollen erzählen, was wir erfahren haben, ohne jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, wollen auch Lebensgenuss vermitteln und die Begegnung mit Schönheit“, sagen sie.

Dazu werden Bewegungen gehören, die gewiss kein Tanz im üblichen Sinne sind, die viel mit Improvisation aus dem Moment heraus zu tun haben, „wie es mir auch im Alltag ständig passiert“, sagt die 41-Jährige. Und viel Musik, die Tauber komponiert hat – als „Taika“ bringt sie ihr musikalisches Alter Ego mit ein, das für Magie und Zauber steht: „Wenn ich Musik mache und singe, dann sind Missempfindungen und Schmerzen egal.“

„Dimensionen – Ich sehe nicht so aus, wie ich mich fühle“, feiert am Mittwoch, 13. September, um 20 Uhr Premiere. Weitere Aufführungen gibt es am 14., 15. und 16. September jeweils ab 20 Uhr im Theater im G-Werk.

von Heike Döhn

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