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Tanzen auf höchstem Niveau

„Spieluhr“-Premiere am Stadttheater Gießen Tanzen auf höchstem Niveau

Anders gesagt: Das Tanz-Triptychon „Spieluhr“ wurde am Stadttheater uraufgeführt und vom Premierenpublikum am Ende geradezu stürmisch beklatscht.

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Hochkonzentriert gehen die Tänzer in Pascal Touzeaus „Legends“ zu Werke. Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: Hochkonzentriert gehen die Tänzer in Pascal Touzeaus „Legends“ zu Werke. Foto: Rolf K. Wegst

Gießen. „Spieluhr“ vereint die Stücke „Legends“ von Pascal Touzeau, „Small Memories“ von Tarek Assam und „COG“ von James Wilton. Mit ihren Arbeiten ist den drei Choreografen und den Tänzern der Tanzcompagnie Gießen ein wirklich betörender Abend gelungen, bei dem von der Darstellung über das Gesamtkonzept bis zu Bühnenbild und Kostümen alles stimmt.

Formal hängen die drei Stücke des Abends, dessen zwei Stunden wie im Flug vergehen, nicht zusammen. Dennoch lässt sich ein impliziter Zusammenhang erkennen, denn mit den Themen Traum, Erinnerung und zwischenmenschliche Beziehungen wenden sich die drei Künstler zentralen Aspekten des Lebens zu.

Den Anfang machen Touzeaus „Legends“. Sie sind dem Thema Traum verschrieben, das Lukas Noll in einer bestechenden Optik umsetzt. Noll lässt die Rampe praktisch leer, abgesehen von einigen großen Scheinwerfern, die die Bühne in Zwielicht tauchen. Die Tänzer sind ganz in Schwarz bekleidet, so dass rein auf Ebene der Bühnenoptik das Surreale menschlicher Träume verbildlicht wird.

Vor diesem Hintergrund setzt Touzeau auf eine wuchtige, kraftvolle, dabei aber betont konzentrierte Bewegungssprache, die in ihrer Plastizität schon an expressionistische Ansätze denken lässt. Bühnenoptik und Bewegungen gehen eine grandiose Symbiose ein, der man mit Fug und Recht bescheinigen darf, dass sie der Gestalt menschlicher Träume als Spiegel der Seele sehr nahe kommen. Hut ab.

Akteure spielen famos

Übrigens auch vor Assams Choreografie „Small Memories“, die dem Erinnern verschrieben ist. Anders als Touzeau setzt der Ballettdirektor auf Geschwindigkeit und kraftvolle Bewegungen wie spektakuläre Sprünge, um sein Thema ertanzen zu lassen. Übrigens erneut in einer Kulisse von Noll, der das große Foto eines baufälligen Gießener Gebäudes als Hintergrund nutzt und davor eine Fotobox platziert hat. Vor ihr tanzt das Ensemble Szenen von Liebe, Ablehnung oder Aggressivität, die damit enden, dass einer der Akteure in der Box verschwindet und die Interaktion so zur Erinnerung wird. Das Ganze geschieht in Straßenkleidung.

Anders als in Wiltons Tanzstück „COG“, für das Noll einfarbige Kostüme entworfen hat. Das Stück, das ebenfalls auf nackter Rampe mit einem ausgefeilten Lichtkonzept spielt, fragt nach den Folgen der Virtualisierung von zwischenmenschlichen Beziehungen, wobei es den Akteuren famos gelingt, Zustände wie radikale Vereinsamung auf die Bühne zu bringen. Und zwar zu rockiger Musik von Steve Wilson und der Band „Porcupine Tree“.

Assam und seine Gäste haben einen mitreißenden Tanzabend gestaltet, der gerade durch die Vielfalt der tänzerischen Herangehensweisen und die absolute Topform der Gießener Tanzcompagnie besticht. Theater- und Tanzfreunde sollten sich „Spieluhr“ nicht entgehen lassen.

  • Weitere Aufführungen sind am 28. Februar, 12. März, 4. April, 1. Mai und 22. Juni jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.stadttheater-giessen.de

von Stephan Scholz

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