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Tamasgol Sabbagh siegt auf Sand

Poetry Slam bei Marburg Open Tamasgol Sabbagh siegt auf Sand

Erst standen die Tennisstars bei den Marburg Open auf dem Platz, dann lieferten sich Poetry Slammer erbitterte Duelle um den Sieg. Das Einzel ging an Tamasgol Sabbagh aus Marburg.

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Lieferten sich spannende Duelle auf Sand und im Regen: David Friedrich (Hamburg, von links oben nach rechts unten), die schizophrene Tennis- oder Poetry-Slam-Legende Björn Borg/Bo Wimmer (Stockholm/Marburg), Marvin Ruppert (Marburg), Letizia Wahl (Marburg), Tamasgol Sabbagh (Marburg), Laurin Buser (Basel) und das Team Slamdog Millionaire bestehend aus Felix Lobrecht (früher Berlin, jetzt Marburg) und Malte Rosskopf (Berlin).

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. „Von Ordnung haben wir genug, Platz gemacht, sonst platt gemacht, von unserm Chaoszug!“ Diese Zeile aus dem rasanten Versbeitrag des Duos „Slamdog Millionaire“, bestehend aus Felix Lobrecht und Malte Rosskopf, bringt einen der Kernpunkte des Poetry-SlamKonzepts auf den Punkt. „Poetry Slam kennt fast keine Regeln, es kann gereimt sein oder gesprochen, abgelesen oder auswendig gelernt, lustig, traurig oder auch sehr ernst“, erklärte Bo Wimmer, der meist die regelmäßigen Dichterduelle im KFZ organisiert und zu dem besonderen Anlass als sein Alter Ego Björn Borg gekommen war.

Der Vorsitzende des Tennisvereins TV Marburg 1965, Heiko Hampl, war von eben dieser Frische fasziniert: „Wir wollten für unser Turnier etwas Neues, etwas das auch Menschen anzieht, die mit Tennis sonst nichts am Hut haben, schließlich muss jeder Verein den Nachwuchs im Auge behalten. Mit Veranstaltungen wie dieser, können wir auch ganz gut mit dem Vorurteil aufräumen, Tennisvereine wären stets elitär.“

So kam es dazu, dass die Slammer sich auf ihrer Bühne umgeben von roten Sandflächen und Netzen wiederfanden, ein Zelt zum Thema Schlägerbespannung zu ihrer rechten, der Getränkestand zu ihrer linken, leider gleichermaßen Nass. Schon das kurz zuvor beendete Turnier der „ATP-Challenge Marburg“, entging dem heftigen Regenschauer nur knapp, einige der Slammer hatten weniger Glück, doch zumindest während der neun Beiträge hielt sich der Regen weitestgehend zurück. „Wir haben heute zunächst sieben Teilnehmer, die jeweils sieben Minuten lang in Paarung gegeneinander antreten, die Gewinner treffen dann in einem dreier-Finale aufeinander“, erklärte Moderator Wimmer. Die Paarungen wurden gelost, die jeweiligen Sieger durch Applausstärke bestimmt.

Zunächst trafen der erfolgreiche Hamburger David Friedrich und der Psychologiestudent Marvin Ruppel aus Marburg aufeinander, wobei letzterer aus seinem neuen Buch „Ich mag Regen“ vorlas. In der zweiten Runde reimten das Duo aus Felix Lobrecht und Malte Rosskopf gegen den Basler Slam-Profi Laurin Buser und anschließend hatte das Los für ein Damenduell zwischen den Marburgerinnen Tamasgol Sabbagh und Letizia Wahl entschieden.

Im Finale blieben schließlich die zwei alten Hasen Friedrich und Buser, sowie die gebürtige Iranerin Sabbagh übrig, welche mit ihrem schwermütigen aber auch vor allem kritischen Beitrag über die Politik und Mentalität ihres geliebten Heimatlandes den Sieg davon trug.

Ernstes Thema setzt sich durch

Das sich das ernste Thema gegenüber den sonst eher humorvollen Beiträgen durchsetzen konnte, dürfte nicht zuletzt auch daran liegen, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer der jungen Orientwissenschaftlerin die enge Bindung an das Thema anmerkten. „Meine Familie und ich sind aus dem Iran nach Deutschland gekommen, weil einige von uns, die sich kritisch äußerten, selbst die Repressalien des Staates zu spüren bekamen“, so Sabbagh, die seit 2011 auf der Bühne steht, später im Gespräch.

Der zweitplatzierte Laurin Buser, war mit seinem urkomischen Beitrag über die katastrophale Kombination einer Mitfahrgelegenheit aus maximalveganen Metalfans am Steuer, dauerechauffierten Beifahrerinnen, seiner Selbst und einem dicken BMW knapp am Gesamtsieg vorbeigeschrammt. Trotzdem nahm er die weite Anreise aus Basel gelassen, „das gehört für mich schon zum Berufsalltag.“

Generell stellten der Eidgenosse und David Friedrich, die beide ihren Lebensunterhalt durch die Slambeiträge bestreiten, im anschließenden Interview eines klar: Wenn man das hauptberuflich Slamme, habe man deutlich mehr Stress, als die Zuschauer annähmen. „Natürlich habe ich auch mal längere Phasen Freizeit, aber da muss ich mir neue Sachen ausdenken.

Generell hat man praktisch nie wirklich frei, weil eben überall Inspirationen lauern“, so Buser. Friedrich ergänzte: „Man ist häufig einige Tage am Stück nur unterwegs. Die Angebotslage ist weniger das Problem, aber die Koordination. Und wenn du bei einer solchen Tätigkeit, bei der Schlafmangel, Stress und Leistungsdruck vor Publikum aufeinandertreffen, nicht auf dich achtest, dann drehst du durch!“

Damit es soweit nicht kommt, ist auf regelmäßige Entspannung zu achten, so zogen die sieben Slammer samt Björn-Borg-Double, im Anschluss noch gemeinsam los, um Marburg bei Nacht und Nieselwetter zu genießen.

von Marcus Hergenhan

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