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Stücke erzählen von Liebe und Tod

Kurzdramenfestival Stücke erzählen von Liebe und Tod

Vier ganz verschiedene Themen stehen auf dem Programm des elften Kurzdramenfestivals in der Waggonhalle. Es geht um Liebe und Tod, um den Wahnsinn im Büro­alltags und die Kluft zwischen den Generationen.

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„Doris, Sekretariat, Straußenei“ handelt von den Machtspielchen im Büro (oben, von links Sophia Weimar, Ewa Gallica und Elena Müller).

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre: Regisseur Abhinav Sawnjey hat die Freifläche hinter der Waggonhalle als Bühne für das Schauspiel „Eine für uns“ ausgesucht. Grelle Scheinwerfer erleuchten die Nacht, Alltagsgeräusche wehen von den nahen Bahngleisen herüber.

Zum Glück war der Premieren-Donnerstag ein lauer Herbstabend und es regnete nicht. Erwartungsvoll standen die rund 50 Besucher in der Finsternis rund um die Bühne, als plötzlich ein Auto heranbrauste.

Das Auto ist das wichtigste Requisit im ersten Stück des Abends und eine ideale Spielfläche zugleich. Die beiden Schauspieler klettern auf Haube und Dach, öffnen Türen, Fenster und Kofferraum und spielen auch im Inneren des Wagens.

In dem Stück geht es um ein junges Paar, das über seine Beziehung nachdenkt. „Jeder ist eine Idee, Träume und Wünsche sind in jedem“, heißt es da. Und: „Ich wollte ,ja‘ sagen zum anderen ohne Schmerz.“ Aber es fehlt die Form, die Lösung, in der beide glücklich sind. „Die Liebe ist zum Wagnis geworden“, sagen beide. Am Ende packt sie die Koffer, und er fährt mit dem Auto wieder davon.

Ein ganz anderes Thema behandelt das zweite Stück des Kurzdramenfestivals - „nachwelken“ von Daniel Wild (Regie: Lars Paschold). In dem ernsten und bedrückenden Schauspiel geht es um einen jungen Mann, der seine krebskranke Mutter bis zu ihrem Tode pflegt. Er gibt seinen Beruf auf, um sich ganz der Pflege der Mutter zu widmen. Aber das Siechtum der Mutter stürzt ihn in große innere Konflikte, er wird mit der ­Situation letztlich nicht fertig. Am Schluss wünscht er nur noch ihren Tod herbei. Der Sohn wird dabei dargstellt von Tobias Wulff (Foto).

„Doris, Sekretariat, Straußenei“ von Joel­ Laszlo dagegen ist ein ziemlich witziges Theaterstück (Regie Daniel Wild). Die Sekretärin Doris steht eigentlich im Zentrum der Handlung, sie tritt aber nie auf. Nur ihre Kolleginnen sprechen über sie. Doris ist ein bisschen sonderlich, sie trägt Teppiche als Kleider und hört in ihrem Kopf laute Diskomusik. In Gedanken hat sich Doris schon ein paarmal in ihrem Sekreta­riat erhängt. Wenn es Zoff mit den Kolleginnen gibt, wird schnell ein Mediator herbeigerufen.

Das klingt alles ziemlich ernst, ist aber mit einem starken Zug ins Absurde inszeniert. Daniel Wild hat den Wahnsinn des Büroalltags, die Langeweile, die Zankereien und Machtspielchen sehr überzeugend auf die Bühne gebracht. Er hat viele witzige Spielideen umgesetzt, die das Verrückte im täglichen Leben sehr gut sichtbar machen. Am Schluss kippt die Geschichte dann völlig ins Absurde.

Das vierte Stück des Abends stammt von Thomas Kurze und heißt „Regressus in indefinitum“ (Regie Inga Berlin). Es ist eine Audio-Video-Installation auf Bühne 2 hinter der Waggonhalle. In dem kleinen Raum werden schöne Landschaftsbilder gezeigt, untermalt mit angenehmer Musik. Dazu werden Familiengespräche eingeblendet, die alles andere als friedlich sind. Vater und Mutter streiten sich mit dem Sohn, der ein Radikaler sein soll. Er passt so gar nicht in die ländliche Gegend, in der feste Verhaltensregeln und Denkmuster gelten. Die Eltern haben hart gearbeitet, während es sich der Sohn gut gehen lässt, zwei Welten prallen aufeinander. Die fruchtlosen Streitgespräche stehen in krassem Widerspruch zu der ländlichen Idylle auf den Bildern.

Zum Gelingen des abwechslungsreichen Theaterabends trugen bei der Premiere am Donnerstag zu allererst die jungen Darstellerinnen und Darsteller bei. Sie spielten durchweg sicher, mit viel Ausdruck und Engagement und verstanden es sehr gut, sich in die jeweiligen Rollen einzufühlen. So gab es am Schluss viel Beifall für die Schauspieler, die Regisseure und den künstlerischen Leiter Stefan Blix.

Am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag sind alle vier Stücke nochmals in der Waggonhalle zu sehen. Beginn ist um 20 Uhr, die Hörinstallation wird ab etwa 22 Uhr gezeigt.

von Bettina Preussner

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