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Strenge Inszenierung für Brecht-Fans

"Fatzer-Fragment am Hessischen landestheater Strenge Inszenierung für Brecht-Fans

Wie bringt man ein Stück auf die Bühne, das eigentlich keins ist? Stephan Suschke hat am Hessischen Landestheater Brechts Fragment „Fatzer“ inszeniert mit fünf Darstellern und zehn Schülerinnen und Schülern. Am Samstag war Premiere.

Marburg. „Das ganze Stück, das ja unmöglich, einfach zerschmeißen für Experiment, ohne Realität! Zur Selbstverständigung.“ Sonka Vogt steht - wie die übrigen Darsteller ganz in Schwarz - auf der kargen Bühne in der Black Box und sagt Bertolt Brechts wütenden Zweifel über sein Stück „Fatzer“ in ein Mikrofon. Und sie gibt damit den Tenor vor. Es ist ein Experiment.

Ja warum eigentlich nicht? Warum nicht einfach dieses Stück „zerschmeißen“, an dem der Autor selbst verzweifelt ist, von dem er selbst sagte, es sei „ein harter Bissen“, an dem sich jetzt das Publikum und die Darsteller 60 Minuten lang die Zähne ausbeißen sollen?

Weil das Fragment von Bertolt Brecht stammt, einem der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker? Weil in seinem Nachlass 500 Seiten mit Notizen, mit Dialogen, mit Regieanweisungen zu „Fatzer“ gefunden wurden und man daraus bereits in den 1970er Jahren eine Uraufführung gebastelt hat? Ein „Zeit“-Kritiker meinte damals über die Uraufführung, es sei wohl der erste und letzte Versuch einer „szenischen Verlebendigung“ des spröden, starren und widerspenstigen Materials. Er sollte sich irren: Heiner Müller ließ 1978, zwei Jahre nach der Uraufführung, seine Textmontage folgen. Und 1993 hat Regisseur Stephan Suschke, der in Marburg mit „Baal“ und „Der gute Mensch von Sezuan“ bereits zwei Brecht-Klassiker auf die Bühne gebracht hat, eben diesen „Fatzer“ gemeinsam mit Heiner Müller inszeniert.

Jetzt wagt er sich wieder „in ein fremdes Territorium“ - gemeinsam mit dem Ausstatter Momme Röhrbein, den fünf Darstellern Sonka Vogt, Sebastian Muskalla, Tobias M. Walter, Daniel Sempf und Stefan A. Piskorz sowie zehn Schülerinnen und Schülern, die einen richtig guten Chor abgeben.

Vier Männer haben genug von den Schützengräben des ersten Weltkriegs, in denen Bauern und Arbeiter elend als Kanonenfutter verrecken. „Falsch sind ausgewählt die Gegner“, sagt Fatzer. Die Gegner sind Menschen wie sie. Die Herrschenden hinter den Linien seien die eigentlichen Gegner. Sie desertieren, schaffen es nach Mühlheim an der Ruhr, verstecken sich in der Wohnung eines der Vier - sehr bald brechen Konflikte auf zwischen dem Individualisten Fatzer und den anderen, die einen Soldatenrat gründen. Es geht um Klassenkampf, um Utopien, um die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse wie „Fressen“. Es ist eine derbe Sprache, die Brecht seinen Deserteuren in den Mund legt, mal expressionistisch farbig, mal spröde im Stil der Klassenkämpfer des frühen 20. Jahrhunderts.

Suschke verzichtet in seiner Inszenierung auf jeden platten Naturalismus, setzt ganz auf diese Sprache und auf Brechts episches Theater, das immer wieder Distanz schafft: Es gibt aber ohnehin kein Mitfühlen mit diesen Typen da oben auf dem laufstegähnlichen Podest - dafür sind die Charaktere viel zu schlicht gezeichnet. Sie haben einfach kein „Fleisch“ für einen Charakterdarsteller, sind allenfalls Chiffren für die Auseinandersetzung zwischen Individualismus und Klassensolidarität: Am Ende erschießen die Kameraden Fatzer, weil der sich eben nicht solidarisch verhält, bevor sie selbst als Deserteure hingerichtet werden.

„Fatzer“ ist eine sehr strenge Produktion für Brecht-Fans, ein Stück, das keins ist, mit vielen spannenden Themen. Im Sommer werden die Marburger wieder eine Suschke-Inszenierung sehen: Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Diese Komödie ist ein Stück mit Charakteren, viel Witz - aber es geht um nichts.

Weitere Aufführungen von „Fatzer“ sind am 19. und 21. Februar, 26. März sowie am 11. und 13. April jeweils um 19.30 Uhr.

von Uwe Badouin

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