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"Streng konspirative" Verabredung mit dem Buchpreis

Blind-Date-Lesung "Streng konspirative" Verabredung mit dem Buchpreis

Wie sieht er wohl aus? Ob er nett ist? Wird es ein schöner Abend? Die klassischen Fragen vor einem „Blind Date“. Oder eben auch vor einer „Blind Date Lesung“ zum Deutschen Buchpreis.

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Ein doppeltes Debüt: Franz Friedrich stellte im TTZ seinen für den Deutschen Buchpreis nominierten Debütroman vor. Es war zugleich Friedrichs erste Lesung.Foto: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Streng konspirativ“ seien die Vorbereitungen zur ersten „Blind Date Lesung“ in Marburg gelaufen, verriet Manfred Paulsen von der Buchhandlung Roter Stern. Das Hotelzimmer habe man anonym buchen müssen, weil zunächst nicht einmal die hiesigen Organisatoren gewusst haben, wer anreisen würde.

Und das Publikum am Dienstagabend wurde buchstäblich bis zur letzten Sekunde im Unklaren über die Identität des Autors gelassen. Die Bücher auf dem Büchertisch standen auf dem Kopf und verkehrt herum und erst mit dem Antrittsapplaus wurde verraten: Franz Friedrich ist das Marburger „Blind Date“, das in Kooperation mit hr info und unterstützt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels stattfand.

Friedrich ist einer von 20 Autoren, die für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert sind. Sie alle waren per Zufallsprinzip einem Leseort zugeteilt worden und durften auf den jeweiligen Abend ebenso gespannt sein wie die Gäste ihrer Lesung.

Knapp 100 Literaturinteressierte waren es in Marburg, die auf ihr „Date“ warteten und von ihm dann unvermutet nach Finnland, nach Berlin und in die Zukunft entführt wurden. „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ lautet der Titel des Debütromans von Friedrich, mit dem er nun sofort auf der „Longlist“ für den Deutschen Buchpreis gelandet ist, und für den er den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung erhalten wird.

Auch die Lesung war ein Debüt für den 31-Jährigen, der in Wien Slawistik, in Berlin Experimentalfilm und schließlich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert hat. Nicht ein einziges Manuskript habe er an einen Verlag geschickt, erfuhr das Marburger Publikum. Der S. Fischer-Verlag sei auf ihn zugekommen, nachdem man dort einen Beitrag von ihm in einer Anthologie gelesen hatte. Erst im Juni sei er mit dem Buch fertig gewesen, nachdem er insgesamt rund fünf Jahre daran gearbeitet habe, erzählt Franz Friedrich. Von der Aufmerksamkeit, die der Roman nun auf Anhieb erhält, ist er selbst überrascht: „Ich dachte, er sei vielleicht zu speziell und zu kompliziert?“

Auch dass das Buch jetzt quasi ein „Eigenleben“ entwickelt, dass es auch anderen gehört, wenn sie es lesen, ist eine neue Erfahrung für den Autor. „Ich merke, dass ich langsam loslassen muss“, sagt er.

Der Roman spielt auf drei verschiedenen Zeitebenen. In einem reist die Filmemacherin Susanne Sendler 1997 nach Finnland, auf die Insel Uusimaa, wo die Bevölkerung evakuiert wurde, nachdem die Lapplandmeisen verstummt sind. Zehn Jahre später stößt die von der Ausweisung bedrohte amerikanische Studentin Monika in Berlin auf einen finnischen Chor und 2017 macht sich ein namenloser Filmemacher, schon im Studium beeindruckt von Sendlers Film, auf den Weg nach Uusimaa, wo die Meisen plötzlich wieder zu singen begonnen haben.

Die Welt, die sich in diesen 20 Jahren entwickelt hat, ist eine andere als die unsere tatsächliche Gegenwart. Amerika ist verarmt, Europa gescheitert und das Flugzeug, in dem der Filmemacher nach Finnland fliegt (und das abstürzen wird, so viel sei verraten), eins der letzten, die überhaupt noch starten.

Die feinen Risse im Realitätsgefüge, die Irritationen sind sprachlich großartig komponiert. Friedrich „beeindruckt mit plastischen Protagonisten und brilliert mit detailreichen, poetisch überhöhten Beobachtungen“, schreibt das Feuilleton der „Welt“. Und Marburg kann sich nun rühmen, Gastgeber für Friedrichs erste Lesung gewesen zu sein. Dieses „Blind Date“ möchten wir sehr gern wiedersehen.

Franz Friedrich: „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“, S. Fischer-Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.

Shortlist steht fest

Für den Deutschen Buchpreis steht die Shortlist fest. Im Wettbewerb um den besten deutschsprachigen Roman des Jahres nominierte die Jury am Mittwoch in Frankfurt sechs Bücher für das Finale am 6. Oktober. Auf der Liste stehen die neuen Romane von Thomas Hettche („Pfaueninsel“), Angelika Klüssendorf („April“), Gertrud Leutenegger („Panischer Frühling“), Thomas Melle („3000 Euro“), Lutz Seiler („Kruso“) und Heinrich Steinfest („Der Allesforscher“). Friedrich hat es also nicht geschafft. Die am 13. August veröffentlichte Longlist hatte noch 20 Titel umfasst. Insgesamt sichtete die siebenköpfige Kritiker-Jury 176 Titel.

von Nadja Schwarzwäller

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