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Stimmungen eines Flüchtlings

Fotoausstellung Stimmungen eines Flüchtlings

Vor zwei Jahren kam 
Younes Maroufi als Flüchtling nach Deutschland. 
In Mittelhessen begann er zu fotografieren. Nun stellt er zum ersten Mal aus.

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Der algerische Flüchtling Younes Maroufi fotografiert mit seinem Handy gerne die mittelhessische Landschaft. Die Bank, durch die er hier fotografiert wurde, kommt in seinen Bildern immer wieder vor.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Bürgeln. „Travel never means
escape“, Reisen bedeutet niemals Flucht: Das ist der Titel einer Fotografie von Younes Maroufi.
Es ist Licht am Horizont zu sehen – in vielen seiner Bilder. Das darf unbedingt im übertragenen Sinne verstanden werden.

Im März 2014 flüchtete der damals 27-Jährige aus seiner Heimat Algerien. Nicht wegen Krieg oder Terror, wie er erklärt, er litt unter sozialem und psychischem Druck. Über Spanien, Frankreich und die Schweiz kam er nach Deutschland – zunächst in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Neustadt, dann nach Bürgeln. In Mittelhessen verliebte er sich in die Landschaft. „Landschaft ist alles für mich“, sagt Maroufi.

Um Abstand von der Enge­ und dem Lärm der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt zu bekommen, ging er spazieren. Und begann, mit seinem Handy zu fotografieren. In seiner Heimat hatte er Architektur studiert. Das Auge für Perspektiven und Proportionen ist seinen Fotos anzusehen. Vor allem vermitteln sie Stimmungen. Hoffnung, aber auch Melancholie. „Stimmungen eines Flüchtlings“ ist folgerichtig der Titel der Ausstellung, die am Wochenende zum Tag des offenen Denkmals in der Alten Kirche in Bürgeln zu sehen sein wird.

Die Kirche ist eines der 22 Motive, die Younes Maroufi ausgewählt hat. Das Bild trägt den Titel „Peace“, Frieden. Nicht nur, weil das alte Gemäuer im Sonnenlicht eine friedvolle Atmosphäre ausstrahlt, sondern weil Maroufi als Moslem mit dem Foto einer christlichen Kirche für einen ganz umfassenden Frieden werben möchte. In Nordspanien habe er viel Rassismus erlebt, in Frankreich mangelte es ihm an Kontakten, in der Schweiz wurde sein Antrag auf Asyl abgelehnt. „Es war ein langer Weg.“ Und hier habe er nur nette Leute kennengelernt. „Ich fühle mich integriert, das ist wirklich toll.“

Hoffnung auf offene Türen

Bis vor gut einem Jahr sprach er kaum ein Wort Deutsch. Aber er hat ein Talent für Sprachen. Er ist mit Arabisch und Französisch aufgewachsen, beherrscht dazu noch Englisch. Und innerhalb kürzester Zeit hat er so gut Deutsch gelernt, dass er beim Begegnungstreff des Cölber Arbeitskreises Flüchtlinge (CAF) ein gefragter Mann zum Übersetzen wurde.

Umso größer der Schock, als der Ablehnungsbescheid seines Asylantrags kam. Am selben Tag, als ihm die Marburger Sommerakademie bei ihrem Tag der offenen Tür spontan einen Platz für die letzte Woche eines Malkurses anbot. Sofort bereitete der CAF eine Petition an den Hessischen Landtag vor.

„Younes könnte unserer Gesellschaft mit seinem Talent und seinem Engagement so nützlich sein“, erklärt Dr. Kurt Bunke, der im CAF tätig und auch im Vorstand des Kulturvereins Alte Kirche Bürgeln ist. Man versucht zu erreichen, dass Maroufi einen Master-Studiengang am Institut für Bildende Kunst belegen oder eine Ausbildung im Bereich Fotografie machen kann. Thomas Rotarius vom CAF kam auf die Idee, dass Maroufis Fotos beim Tag des offenen Denkmals in der Alten Kirche ausgestellt werden könnten.

Am Samstagabend findet in der Kirche das Konzert „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ statt – die Bilder sind dabei natürlich auch schon zu sehen. Am Sonntag ist die Ausstellung dann von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Um 15 Uhr gibt es vor der Kirche dazu noch Musik mit der „Marburg-Jazz-Connection“ und Erläuterungen zur Geschichte der Alten Kirche.

Das alte Gemäuer und wie seine Bilder darin wirken, das begeistert auch Younes Maroufi selbst. „Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal eine Ausstellung haben würde“, sagt er. Aber wie hat er eines seiner Fotos betitelt: „We trust that doors will be wide open“, wir vertrauen darauf, dass Türen weit offen stehen.

von Nadja Schwarzwäller

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