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Biene verliebt sich in Schmetterling

Stadttheater Gießen: „Barbier von Bagdad“ Biene verliebt sich in Schmetterling

Die komische Oper des genialen Dichterkomponisten Peter Cornelius ist ein viel zu selten gespieltes Meisterwerk. Schade, 
dass die Neuinszenierung der geistreichen Vorlage nicht gerecht wird.

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Abul Hassan (Philipp Meierhöfer) rasiert Nurredin (Clemens Kerschbaumer).

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Roman Hovenbitzer 
(Regie) und Duncan Hayler (Bühnenbild und Kostüme) haben offenbar ein Problem damit, angesichts der bedrückenden Realität im Nahen Osten einen märchenhaften Orient auf die Bühne des Stadttheaters Gießen zu zaubern – auch eine Form von Political Correctness. Stattdessen verfrachten sie die Handlung aus Tausendundeiner Nacht in eine Fantasiewelt – genauer: ins Reich der Flora und Fauna.

Dagegen wäre im Prinzip nichts einzuwenden, wenn wenigstens die Umsetzung dem pointierten Witz des genialen Dichterkomponisten Peter Cornelius gerecht würde. Aber angesichts der lähmenden Langeweile, die sich auf der Bühne breitmacht, und allenfalls schalen Witzchen ist dem Opernliebhaber kein einziges Mal zum Lachen zumute.

Leider lässt auch die musikalische Wiedergabe zu wünschen übrig: Dirigent Jan Hoffmann, der auch die auftrumpfenden Chöre einstudiert hat, wählt vor allem im ersten Akt viel zu breite Tempi, lässt das anfangs unsauber intonierende Orchester oft viel zu laut spielen, sodass die Textverständlichkeit leidet – zum Glück gibt es Übertitel, was bei einer deutschen Spieloper eigentlich überflüssig ist.

Meierhöfer durch Inszenierung eingeschränkt

Die Sänger haben zudem schwer zu tragen an ihren tierischen Kostümen. Deshalb ist ihnen kein Vorwurf zu machen, dass die eine oder andere feine Nuance auf der Strecke bleibt.
Clemens Kerschbaumer singt mit geschmeidig-lyrischem Tenor den liebeskranken Nurredin im lächerlichen Kleid einer Honigbiene. Das Objekt seiner Begierde, Margiana, mutiert am Ende zu einem Schmetterling; Karola Pavone verleiht ihr zart zwitschernde Soubrettentöne. Zuvor muss jedoch erst ihr Vater, der Kadi Baba Mustapha, ausgeschaltet werden: ein Hirschkäfer, zu dessen scharfen Scheren der grelle Tenor von Dan Chamandy allerdings vortrefflich passt.

Das gelingt mithilfe von Margianas Vertrauter, dem Maulwurf Bostana, der Marie Seidler mit ihrem warmen Mezzosopran menschliche Stimme gibt, vor allem aber von Abul Hassan Ali Ebn Bekar, dem bauernschlauen Barbier, der sein hohes Alter von 90 Jahren Lügen straft, nachdem er den hinderlichen Schildkröten-Panzer abgelegt hat.

Philipp Meierhöfer, als Gast von der Komischen Oper Berlin, singt dieses „athletische, tief theoretische, musterhaft praktische, autodidaktische Gesamtgenie“ mit kultiviertem Bass – ein Komödiant, der sein Licht nach dem Willen des Regisseurs zu sehr unter den Scheffel stellen muss.

Auch für den Titelhelden gibt es ein Happy End: Der Kalif (tadellos: Grga Peroš mit schlankem Bariton) nimmt ihn als Hofbarbier und Märchenerzähler in seine Dienste.

Weitere Vorstellungen: 10. und 23. Februar, 11. März, 23. April, 20. Mai, jeweils ab 19.30 Uhr, sowie 25. Juni ab 15 Uhr. Den Mitschnitt der Premiere senden der Hessische Rundfunk am 18. Februar ab 20.05 Uhr in seinem Radio-Programm „hr 2 Kultur“ und Deutschlandradio Kultur am 4. März ab 19.05 Uhr.

von Michael Arndt

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