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Spurensuche in der Vergangenheit

OP-Buchtipp: Leonardo Padura: „Die Palme und der Stern“ Spurensuche in der Vergangenheit

Zwei Schriftsteller, zwei Schicksale. Ein geheimnisvolles, verschollenes Manuskript verbindet beide. Und das undankbare Leben als Emigranten. Ein großer Kuba-Roman von Leonardo Padura.

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Der kubanische Autor Leonardo Padura erzählt in seinem neuen Roman von Exilanten.

Quelle: EPA/Alejandro Ernesto

Nach 18 Jahren im Exil kehrt der Schriftsteller Fernando Terry nach Havanna zurück. Er ist auf der Suche nach einem verschollenen Manuskript des kubanischen Nationaldichters José Maria Heredia, das dessen Bild in der Geschichte radikal verändern könnte.

Doch die Heimkehr nach Kuba konfrontiert Fernando gleichzeitig mit seiner eigenen Vergangenheit. Welcher seiner Dichterfreunde hat ihn seinerzeit verraten und damit seinen sozialen Abstieg und schließlich seine Flucht in die Fremde verursacht?

Fernando begibt sich so nicht nur auf eine abenteuerliche Spurensuche, die ihn bis zu den geheimnisumwitterten Freimaurern führt, er muss sich am Ende auch mit Verrat und Schuld, nicht zuletzt seiner eigenen, auseinandersetzen.

Mit „Die Palme und der Stern“ hat Leonardo Padura (60) einen großen Kuba-Roman vorgelegt. An dem Schicksal zweier Exilanten – Fernando Terry und Heredia – erzählt er die Geschichte seiner Insel im Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeitsbewegung und Castro-Zeit.

Padura verwebt Perspektiven

Denn obwohl Fernando und Heredia anderthalb Jahrhunderte trennen, haben sie doch vieles gemeinsam. Beide Schriftsteller müssen ihre Eigenständigkeit und politische Unbotmäßigkeit mit vielen Jahren des Exils büßen, beide werden von ihrem nächsten Umfeld verraten. Kuba ist der Sehnsuchtsort, dem die Dichter ein Leben lang verbunden bleiben. Heredia sollte seine geliebte Insel nach einem Besuch im Jahr 1837 nie mehr wiedersehen. Er starb zwei Jahre später fern der Heimat, ausgezehrt von der Tuberkulose.

Der Roman entwickelt sich aus verschiedenen Perspektiven, die Padura kunstvoll miteinander verwebt. Zum einen ist da die Geschichte Fernandos und seiner Suche nach dem Heredia-Manuskript, einer bislang unbekannten Autobiografie des Dichters. Dieser Teil spielt in der Castro-Ära und enthält diverse Rückblenden auf die Jugendzeit Fernandos, als er als Literaturdozent in Havanna lehrte, bevor er ins Exil gezwungen wurde.

Auf einer zweiten Ebene taucht der Leser unmittelbar in die Heredia-Memoiren ein. Er wird zurückversetzt in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals begehrten revolutionäre Kräfte in Kuba gegen die spanische Kolonialmacht auf, einer von ihnen war der zu frühem Ruhm gelangte Heredia, der in seiner Lebens-Chronik von diesen politischen Kämpfen, aber auch von privaten Leidenschaften erzählt.

Liebesszene in blumigen Bildern

Diese intimen Enthüllungen kollidieren allerdings mit dem offiziellen heroischen Bild des Nationaldichters. Ein Grund für den Sohn, das Manuskript möglichst nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, was in einem dritten, weniger stark ausgeführten Handlungsstrang geschildert wird.

Je nach Zeitebene wechselt auch der Sprachduktus. Leonardo Padura gelingt es mühelos, in die Haut des Romantikers Heredia zu schlüpfen. In einer Liebesszene schildert der Held ganz im pathetischen Stil des 19. Jahrhunderts, wie es ihm gelang, „mit nicht mehr aufzuhaltender Liebesglut, das göttliche Schloss von Lola Junco zu knacken und wie ein übergroßer Stahlnagel, der ein Seidentuch durchsticht, in sie einzudringen“.

Padura ist vor allem als Krimiautor bekannt geworden. Auch „Die Palme und der Stern“ enthält kriminalistische Elemente. Doch vor allem ist es ein brillanter Künstlerroman. Kuba und seine Intellektuellen, das ist bis heute eine spannungsgeladene Beziehung, eine Geschichte der Entfremdung, Vertreibung, aber auch der Wiederannäherung und Heimkehr. Davon erzählt dieses Buch mit poetischer Wucht.

  • Leonardo Padura: „Die Palme und der Stern“, Unionsverlag, 360 Seiten, 24,95 Euro

von Sibylle Peine

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