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Spurensuche im Leben des Vaters

Lesung von Katja Thimm Spurensuche im Leben des Vaters

Es ist „eine deutsche Geschichte“, die Katja Thimm in ihrem Buch „Vatertage“ erzählt. Es ist aber auch und zuallererst die ganz persönliche Geschichte ihres Vaters. Am Montag las die Autorin in Marburg.

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Katja Thimm las im Marburger Universitätsklinikum vor 80 Zuhörern aus ihrem Buch „Vatertage“.Foto: Nadja Schwarzwäller

Marburg. 13 Jahre alt ist Horst Thimm, als er im Januar 1945 mit der kleinen Schwester aus Ostpreußen fliehen muss. 1954 wird er als Student in West-Berlin zu sechs Jahren in einem Gefängnis der ehemaligen DDR verurteilt. Später macht er in der damaligen Hauptstadt Bonn als Beamter Karriere. Ist Ehemann und Vater. Wenige Tage vor der Pensionierung erleidet er einen Hirnschlag und am Karfreitag 2005 zieht er in ein Seniorenheim - auch wenn er Abhängigkeit hasst, auch wenn er nicht an diesem Ort sein will.

Die Frau, die Horst Thimms Geschichte aufgeschrieben hat, ist seine Tochter: Katja Thimm, mehrfach ausgezeichnete Journalistin. Sie war 14 Jahre alt, als sie mitbekam, dass ihr Vater einmal eingesperrt gewesen ist, erzählt sie. Per Zufall. Was ihm alles widerfahren ist in seinem Leben - darüber sei nie gesprochen worden. Nur manchmal habe sie nebenbei ein Detail erfahren, so Thimm. Und irgendwann habe sie einfach mehr wissen wollen über seine Lebens- und ihre Familiengeschichte. Über einen Zeitraum von fünf Jahren führte sie Gespräche mit ihrem Vater und aus den Tonband-Aufzeichnungen wurde ein Buch, für das die Autorin in diesem Jahr den Evangelischen Buchpreis bekam: „Vatertage“.

Der Bücherpavillon im Marburger Universitätsklinikum hatte 2011 bereits den damaligen Preisträger Michael Kleeberg zu Gast und am Montag Abend las nun Katja Thimm im Foyer des Mutter-Kind-Zentrums auf den Lahnbergen.

Gespräche mit dem Vater waren ein großes Geschenk

Die knapp 80 Besucher bekamen Einblicke in verschiedene Stationen von Horst Thimms Leben: von seinem Leben im Seniorenheim zurück bis zur Erinnerung an die Flucht, die ihn „wie ein Dämon“ beherrscht. „In der Kindheit war ihnen eine Härte gegen sich selbst gepredigt worden, die der von Krupp-Stahl gleichen sollte“, schreibt Katja Thimm über die Kriegsgeneration des Vaters. Von der 80 Prozent nie über ihre Erlebnisse geredet haben.

Dass ihr Vater es getan und dass sie so viel erfahren hat, das empfindet sie als großes Geschenk, sagt sie. Dadurch habe sie viel besser verstanden, wie sie groß geworden ist. Und auch das Land besser verstanden, in dem sie groß geworden ist. Es existiere eine große Scheu, Dinge zu fragen, die eine solch große Nähe herstellen. Für genau diese Nähe ist Katja Thimm aber dankbar. Und ihrem Vater sei es letztlich ein Bedürfnis gewesen, alles zu erzählen. Von Anfang an habe er seine Geschichte nahezu druckreif formuliert: „Er muss das für sich selbst unendliche Male vor sich hingesprochen haben“, auch wenn er es nie zuvor einem anderen erzählt habe, erklärt die Autorin.

Als „klug und sensibel“ wird „Vatertage“ gelobt, als „geglückte Erinnerung“ und als ein Buch, das „unter die Haut geht“. Genau das erlebten auch die Besucher der Lesung in Marburg. Sie spart weder die „alten, bösen Bilder“ aus, noch das Altern des Vaters - das, was die Ärzte „Abbauprozess“ nennen und was sie hat zweifeln lassen, ob sie „recht tue“, es aufzuschreiben. Es gebe Stellen, die zu lesen ihr noch immer schwer fallen, gesteht Katja Thimm im Gespräch mit dieser Zeitung. Von einem Zuhörer auf den Stil ihres Schreibens angesprochen, antwortet sie, je dramatischer und unfassbarer etwas sei, desto angemessener fände sie es, einen nüchternen Ton zu wählen, um es zu erzählen.

von Nadja Schwarzwäller

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