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„Spiel mir das Lied vom Brot“

Die Reiherkönigin am Landestheater „Spiel mir das Lied vom Brot“

Ein ungewöhnliches Stück feierte am Samstagabend Premiere in der Black Box des Hessischen Landestheaters. Die gerappte Kritik an der kapitalistischen Showbranche erntete viel Applaus.

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Annette Müller (links) und Oda Zuschneid bringen das Stück „Die Reiherkönigin“ der jungen polnischen Autorin Dorota Masłowska als Rap auf die Bühne.Foto: Christian Buseck

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Rap und Theater – passt das zusammen? Als Hip-Hop-Konzert inklusive DJ (Michael Lohmann) kommt das Stück der polnischen Autorin Dorota Masowska in der Marburger Inszenierung daher. Doch als Songtext gelesen knirscht und holpert es zuweilen kräftig im Textgebälk: „Polen – wo sich aus Versehen längst vergessene Kriege wiederholen.“

Die einzelnen Songs funktionieren trotzdem – angefeuert von in Rhythmus und Tempo so variantenreichen Melodien wie dem berühmten Psycho-Soundtrack oder einem Stück der Industrial-Band „Nine Inch Nails“. Über jeweils einen Track hinweg entstehen so fesselnde Spannungsbögen. Leise intonierte und von reduzierten Bewegungen begleitete Passagen steigern sich in Lautstärke und Intensität, bis auf dem Höhepunkt die beiden Schauspielerinnen den Text ohne Mikro dem Publikum entgegenschreien und dazu furios tanzen.

Leider gelingt es dem Regie-und Schauspielerinnen-Team nicht, diese Spannung über die gesamten 90 Minuten aufrechtzuerhalten. Zu viele Nebenfiguren und Handlungsstränge lenken vom eigentlichen Thema ab. Die Form des Textes, die Menge der kulturellen Anspielungen und die atemlose Vortragsweise lassen den Zuschauer häufig nicht hinterherkommen. Gut getan hätte es der Inszenierung, wenn die Regisseurinnen mehr „Einschübe“ eingebaut hätten, in denen sie sich ans Publikum wenden und das Gehörte erklären oder kommentieren.

Vielleicht ist die Handlung aber ohnehin weniger wichtig als die Kritik an den absurden Mechanismen der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie, deren individuelle Auswirkungen etwa in dem Song „Spiel mir das Lied vom Brot“ auf die Spitze getrieben werden: Die Verkäuferin in einer Bäckerei will Stanisaw Retro, den sie als berühmten Musiker erkennt, mit ihren Englischkenntnissen beeindrucken, kramt in ihrem Gedächtnis und bringt einen mehr als schiefen Satz zustande. Die Ironie: Stanisaw kann ebenfalls fast kein Englisch. Er lernt seine Texte auch bloß dem Klang nach auswendig. So kommt es zu der skurrilen Situation, dass zwei Menschen mit derselben Muttersprache sich nicht verstehen.

Weitere schrille Elemente wie zwei Hamsterkostüme, aus denen die Stimmen der beiden Schauspielerinnen verfremdet piepsen, erweitern den Bedeutungshorizont um Anklänge an sinnentleerte Youtube-Videos und alberne Auftritte von sogenannten Stars in TV-Shows von Dschungelcamp bis Circus HalliGalli. Es bleibt dennoch der Eindruck, dass solche Kapriolen das reproduzieren, was sie eigentlich kritisieren wollen: eine Kakofonie des schlechten Geschmacks.

Weitere Aufführungen sind heute Abend sowie am Freitag, 14. Februar, am 7., 9. und 11. März, jeweils ab 19.30 Uhr. Karten gibt es an der Theaterkasse in der Galeria Classica (Ecke Schwanallee / Frankfurter Straße), geöffnet montags bis freitags von 9 Uhr bis 12.30 Uhr und 15 Uhr bis 18.30 Uhr sowie samstags von 9 Uhr bis 12.30 Uhr und im Internet unter www.theater-marburg.de.

von Vera Zimmermann

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