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Spaß ist, wenn die anderen lachen

Gerd Dudenhöffer als Heinz Becker Spaß ist, wenn die anderen lachen

Er sagt schlimme Dinge und verzieht dabei keine Miene. Heinz Becker ist schon lange nicht mehr der ausschließlich lieb-verschusselte Nachbar. Becker hat das Thema Politik für sich entdeckt – und da eine ganz klare Meinung.

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Gerd Dudenhöffer trat in seiner Rolle als Heinz Becker am Freitag im ausverkauften KFZ auf.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. Wo kommen denn die Ängste her, fragt Heinz Becker und gibt sich wenig später selbst die Antwort: „Aus ­Tunesien, Syrien und der Türkei.“ Längst spielt die Flüchtlingsthematik auch eine Rolle 
in der kleinen Welt des Saarländers.

Am Freitagabend sitzt er im gleißenden Scheinwerferlicht auf der KFZ-Bühne und gewährt einen Einblick in seine Befindlichkeiten. Hosenträger, Batschkappe und Bierflasche neben dem Stuhl. Natürlich spricht Heinz Becker auch über seinen Rasenmäher, über Hilde und Stefan. Doch irgendwie lassen ihn die großen politischen Verwerfungen unserer Zeit nicht los.

Lösungen hat er keine parat – es ist vielmehr ein Blick auf den Ist-Zustand, so wie Becker ihn empfindet: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ sei damals noch ein beliebtes Kinderspiel gewesen – heute allerdings eine ernste Sache, weil der schwarze­ Mann ja mittlerweile in der Nachbarschaft wohne. Die Welt ist kleiner geworden. Sogar ­
Kenia könne nicht so weit weg sein, weil der farbige Kollege ­eines Bekannten immer sagen würde, dass er zum Mittagessen nach Hause geht. Ein Spaß, aber eben einer, der nachhallt.

Fall der „Twin-Towers“ gleicht Rosenmontagsumzug

Die Sache mit der Einwanderung habe aber schon mit den italienischen Arbeitern angefangen – nur seien die eben einfach nicht wieder zurückgegangen. Willkommenskultur deutet ­Becker so: „Ja klar, der Flüchtling will kommen“ und sowieso sei der Weg vom Sozial­staat zum Sozialamt ja auch kein besonders weiter.

Die Anekdoten, die er zum Besten gibt, stammen natürlich auch von altbekannten Freunden wie dem Meier-Kurt, mit denen Becker in gemeinsamer Runde beim Stammtisch zusammensitzt. „In Wirklichkeit ist die Realität oft nur eine Illusion“, ist die vielsagende Einschätzung des Protagonisten auf die Komplexität der Welt. Statt tolerant zu sein, habe er lieber Angst im eigenen Land. Dann wisse er nämlich, woran er sei.

Gerd Dudenhöffer zeigt in seiner Rolle die Abgründe des Spießbürgertums. Die 340 Zuschauer im ausverkauften KFZ lachen über die Kunstfigur. Auch an Stellen, an denen einem eigentlich das Lachen im Halse stecken bleiben müsste.­ ­Etwa, wenn Heinz Becker den Fall des World-Trade-Centers­ mit einem Rosenmontagsumzug vergleicht, den man gemütlich mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher anschaut. Nachdem der zweite Turm ­
gefallen sei, habe er damals zu seiner Hilde gesagt: „Das wars, da passiert nix mehr.“

Angst und Schrecken und Hilde

Gerd Dudenhöffer hat in einem Interview mit der Allgemeinen Zeitung zu seiner Figur gesagt: „Heinz ist nicht bösartig. Er weiß nicht, welche Sprengkraft in seinen naiven Betrachtungen und Äußerungen steckt.“ Dennoch wirkt die Situation mitunter beklemmend, wenn sich nicht genau sagen lässt, ob der ein oder andere Lacher aus dem Publikum nicht doch als Zustimmung für die engstirnigen Ansichten von Heinz zu verstehen sind. Getreu dem Motto: „Recht hat er, der Heinz.“

Die Zuschauer erfahren an diesem Abend auf jeden Fall noch eine ganze Menge über die Familiengeschichte der ­Beckers. Der Vater, der überall Kommunisten sah und von dem Heinz die Marotte mit dem Rasenmäher hat. Der Vater war es auch, der Heinz gesagt habe, dass er noch früh lernen würde, mit Angst und Schrecken umzugehen. 1968 habe er dann ­Hilde kennengelernt.

Weiter geht der Ritt durch die Jahrzehnte. Becker berichtet vom Bau der Mauer, die das Land in katholisch und unorthodox geteilt habe. Für alle, die sich gefragt haben, wie alt Stefan eigentlich ist: Geboren wurde er laut Vater Heinz am 3. Mai 1979.

Und dann ist Becker doch wieder beim Thema Angst angelangt. Es gäbe keine hundertprozentige Sicherheit für einen Terroranschlag: „Es bleibt immer noch ein Restrisiko, dass nichts passiert.“ Satire ist ein wichtiges Mittel. Vielleicht das wirkungsvollste in einer Zeit, in der nur allzu oft einfache Lösungen für hochkomplexe Themen präsentiert werden. Für Heinz Becker steht fest: „Früher war vieles besser.“

von Dennis Siepmann

 
 
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