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Spannender Ausflug in die Normandie

OP-Fortsetzungsroman „Küstenstrich“ startet Spannender Ausflug in die Normandie

Bei der Criminale wurde Benjamin Cors für sein 
Debüt mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet. Nun stellte er seinen neuen 
Roman vor, der ab heute als Fortsetzungsroman 
in der OP erscheint.

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Benjamin Cors stellte im TTZ seinen neuen Roman „Küstenstrich“ vor, der ab dieser Freitagsausgabe als Fort­setzungsroman in der OP erscheint.

Quelle: Friederike Hagel

Marburg. Tagesschau, Tages­themen und Weltspiegel – manchmal sind deren Nachrichten nicht allzu weit entfernt von dem, was in einem Krimi so vor sich geht. Zumindest was den Schrecken der Inhalte anbelangt.

Für diese Formate hat der politische Fernsehjournalist Daniel Cors berichtet. Heute arbeitet er als landespolitischer Korrespondent für den SWR. Etwas anders gestaltet sich die Handlung von Cors’ „Küstenstrich“ trotzdem. Während des Marburger Krimifestivals stellte er bei einer Lesung als Krimiautor seinen zweiten Roman vor.

In seinem neu erschienenen Krimi „Küstenstrich“, der von heute an auf der folgenden Kulturseite täglich zu lesen ist, geht es für die gespannt lauschenden Zuhörer nach Frankreichs Norden; Tatort ist die Normandie.

Ein Hauch Autobiographisches schwingt hier mit, denn Benjamin Cors’ Wurzeln liegen eben gerade in dieser Region – er hat hier die Sommer seiner Kindheit verbracht. Trotzdem ist sein Werk nicht als Lokal­krimi zu verstehen. Denn die Stimmung, das Licht und das Malerische dieser Gegend seien es, die diesen Ort zum ideellen Schauplatz seiner Geschichte 
machen.

Benjamin Cors verbindet Fiktion und Recherche

So ermittelt die Hauptfigur Nicolas Guerlain in der Rolle eines Personenschützers. Nicht ein betagter Kommissar mit obligatorischem Sakko und Zigarre, sondern ein junger Melancholiker ist Protagonist der Geschichte. Fast schon ein Novum des Krimigenres also.

Und anders als vielleicht vermutbar wäre, geht es ruhig zu. Melancholisch, fast leise ist die Handlung. Aber gerade deswegen nicht weniger spannungsvoll. Denn plötzlich steht der Zuhörer inmitten des Marburger Marktplatzes, überquert Lahnbrücken und erklimmt die Stadt der einhundert Treppen. So zumindest in der Lesung im TTZ.

Nicht die strenge Wiedergabe von Fakten, sondern der Umgang mit Sprache, das Spiel mit Wörtern und die Kreation einer eigenen, fiktiven Geschichte sind für den Autor der besondere Reiz des Genres. „Ich nehme mir etwas aus der Wirklichkeit und dann nehme ich mir etwas Neues dazu“, so beschreibt der Deutschfranzose seine Arbeitsweise. Teils fiktiv, teils durch 
Recherchen vor Ort kreiert Cors seine Erzählung.

Dabei greift er auch auf aktuelle politische Themen wie die Flüchtlingskrise und die unzumutbaren Lebensumstände 
in den französischen Lagern zurück – der eigentliche Hauptberuf des politischen Journalisten tritt in der Erzählung immer wieder zu Tage. Und ein guter Geschichtenerzähler ist er allemal. Mehr als verdient deswegen auch seine Auszeichnung als bester Newcomer mit dem Friedrich-Glauser-Preis auf der diesjährigen Marburger Criminale.

  • Benjamin Cors: „Küstenstrich“, dtv-Verlag, 384 Seiten, 15,90 Euro.

von Friederike Hagel

Leseprobe

 Teil eins

Vater
Calais, Nordfrankreich
22.September

Vor zwei Jahren

An jenem Morgen erwachte 
Zorah mit der Gewissheit, dass dies der schönste Tag in ihrem Leben war. Es war nicht irgendein vages Gefühl, auch nicht der verklärte Rest eines Traums, an den sie sich ohnehin nur bruchstückhaft erinnern konnte, so wie an alle anderen Träume 
 zuvor auch. Sie blinzelte leicht benommen, und während sich ihre Augen an das diffuse Licht des frühen Morgens gewöhnten, dachte sie darüber nach, was die Nacht ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

Nein, eine Hoffnung war es auch nicht, denn damit kannte sie sich aus. Mit Hoffnungen, die sich in Luft auflösten, in staubige, stickige Luft, die sich auf ihre Lungen setzte, wenn wieder ein Lastwagen an irgendeinem Straßengraben vorbeidonnerte, in dem sie alle gemeinsam für ein paar Stunden Schutz gefunden hatten.

Diesmal, am Ende ihrer Reise, 
war es etwas anderes. Es war 
eine echte und wahrhaftige 
Gewissheit, die heimlich zu ihr in den dünnen Schlafsack gekrochen war und sich neben ihr ausgestreckt hatte, sich an sie schmiegte und lächelte.

Es war ruhig draußen, nur der Wind ließ die Blätter der Sträucher rascheln, die ihr Zelt umschlossen. Die Sonne schien. Und obwohl Zorah in den vergangenen Monaten gelernt hatte, ihre Gefühle fest verpackt in ihrem Innern zu verstauen und nicht daran zu rühren, überkam sie etwas, das sie beinahe als Freude bezeichnet hätte.

Sie lächelte. Es war das behutsame Lächeln eines zwölfjährigen Mädchens, das mehr erlebt und gesehen hatte als andere in einem ganzen Leben. Und das fast verlernt hatte, wie es sich anfühlte, wenn die eigenen Mundwinkel sich hoben.

„Reiß dich zusammen“, murmelte sie und zog vorsichtig den Reißverschluss ihres Schlafsacks auf. Sie hatte nicht vor, ihr Innerstes aufzuschnüren, nur weil irgendeine dahergelaufene Gewissheit sich neben sie legte und versprach, sie zu wärmen.

„Immer schaust du so traurig, Zorah“, hatte ihre Mutter sie immer wieder ermahnt während der langen Reise. „Freu dich doch, alles wird gut, bald sind wir da.“
Sie lag wenige Meter neben ihr auf dem harten Sandboden, ihr Kopf lehnte an der Schulter ihres Mannes, der selbst im Schlaf zu wachen schien über seine Familie, die er fortgeführt hatte, weit weg von den ockerfarbenen Bergen ihrer Heimat. Heute war der schönste Tag in Zorahs Leben.

 
 
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