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Sozialkritik gepaart mit bösem Witz

Theater: "Der goldene Drache" Sozialkritik gepaart mit bösem Witz

Durch die Aula der Alfred-Wegener-Schule weht in diesen Tagen ein ostasiatischer Wind. Im Chinarestaurant „Der goldene Drache“ wird die Thai-Suppe mit einer speziellen Zutat serviert – mit einem Zahn.

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In der kleinen Küche des „Goldenen Drachen“ arbeiten die Chinesen auf engstem Raum miteinander.

Quelle: Selina Boucsein

Kirchhain. Bereits am Eingang der Aula der Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain wird der Besucher auf das fernöstliche Flair des Theaterstücks eingestimmt. Schüler verteilen Glückskekse mit Botschaften, über Lautsprecher tönen asiatische Klänge. Im Zuschauerraum sind zwei Tische verteilt – später werden dort die Gäste des Asia-Restaurants 
„Der goldene Drache“ Platz nehmen. Der Name des Restaurants ist gleichzeitig der Titel des Stücks.

Auf den noch leeren Tischen stehen Speisekarten und Maneki-nekos, also Winkekatzen, die den Zuschauer hereinzulocken scheinen. Zu Beginn des Stücks, das am Freitag Premiere feierte, kommen alle Schauspieler auf die Bühne. Sie tragen Alltagskleidung, stellen sich mit ihren richtigen Namen und einer Eigenschaft vor, die sie beschreibt.

Chinese mit Zahnschmerzen steht im Mittelpunkt

Nun vertauschen sie ihre Identitäten: Ein junges Mädchen ist nun „Andre Wagner“, der gerne Gespenstersuppe isst. Und dann ziehen sie sich Kochjacken über und sind plötzlich alle Chinesen. „Ich bin eine blonde Chinesin“ sagt ein Mädchen, ein anderer Junge ist „ein stotternder Chinese“.

„Ein Chinese mit Zahnschmerzen“, der in der winzigen Küche des Restaurants arbeitet, bildet den Mittelpunkt des Stücks von Roland Schimmelpfennig, dem zurzeit meistgespielten Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Zum Zahnarzt kann der Chinese nicht, denn er hat keine Aufenthaltsgenehmigung. Die Lösung sehen die Köche in einer Rohrzange.

Zwischendurch verfolgt der Zuschauer andere Geschichten. Die von der Grille, die den ganzen Sommer lang tanzt und vor dem Winter bei der fleißig arbeitenden Ameise um Unterschlupf bitten muss. Die Ameise willigt ein, beutet die verzweifelte Grille jedoch aus. Oder die Handlung um eine Trennung, die ein Mann mit Alkohol verdrängt. Als der Betrunkene eine junge Chinesin sieht, möchte er sie „nur ein wenig berühren“.

„Ich habe gedacht, das wird schon“

Doch leider gehen solche zarten Dinger leicht „kaputt“. Begleitet werden diese Geschichten von selbst komponierten Liedern. Die Rollen werden im Laufe des Stücks verteilt: Als sich zwei Stewardessen an 
Tisch 11 des Restaurants setzen wollen, müssen diese erst besetzt werden. „Willst du eine Stewardess spielen?“, fragt ein Darsteller ein junges Mädchen. „Ich spiele doch schon den alten Mann“, entgegnet sie.

Schließlich melden sich zwei Jungen. „Stewardessen – das sind Frauen“, wendet jemand ein. „Na und, das kriegen wir hin“, antwortet einer der Jungen. Tisch 11 – dort landet der faule Zahn, den die Köche dem Chinesen gezogen haben. Genauer gesagt fällt er in die Thai-Suppe mit Hühnerfleisch, die eine der beiden Stewardessen bestellt hat.

„Weiß wie eine Kirschblüte“ wird der Chinese inzwischen, während er langsam verblutet und die anderen Köche hektisch Bestellungen vorlesen und mit den Küchengeräten hantieren. „Ich habe gedacht, das wird schon“, sagt der tote Chinese zum Publikum. Von seinen Kollegen wird er in einen Teppich, bestickt mit einem goldenen Drachen, gerollt.

Erleichterte Darsteller

Den Teppich wollte er sich schon immer mal näher ansehen, „doch jetzt ist es zu spät“, stellt er traurig fest, bevor er über die Brücke in den Fluss geworfen wird. Von dort aus wird der tote Chinese, der nur gekommen war, um seine Schwester zu finden, von den Wellen in seine Heimat getragen. Seine Schwester ereilt ein ähnlich schlimmes Schicksal.

Trotz des ernsten Themas schafft es der 13. Jahrgang, das Publikum immer wieder zum Lachen und Schmunzeln zu bringen. Die Sozialkritik ist gut dosiert und mit Witz versehen. Der Zuschauer verlässt die Aula mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der Eindruck der Parallelwelt der Migranten, die der Rechtlosigkeit, der Gier und der Brutalität der westlichen Welt zum Opfer fallen, hält an.

Bei der Zugabe spürt man die Freude und die Erleichterung der Darsteller. Ausgelassen tanzen sie auf der Bühne zu „Night of the hunter“ von 30 Seconds to Mars. Die Premiere ihres Stücks „Der goldene Drache“ hätte nicht besser laufen können.

  • Weitere Vorstellungen des „Goldenen Drachen“ finden am Freitag und Samstag um 20 Uhr statt. Karten sind bei Lenis Buchladen, Optik Kempe und im Sekretariat der Oberstufe erhältlich.

von Selina Boucsein

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