Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Soul Kitchen“ sorgt für gute Laune

Hessisches Landestheater „Soul Kitchen“ sorgt für gute Laune

Das Premierenpublikum hat die schrägen Typen aus „Soul Kitchen“ ins Herz geschlossen. Am Samstag gab es stürmischen Applaus und teilweise Standing Ovations, aber leider keine Zugabe.

Voriger Artikel
Sympathisches Duo geht auf Traumreise
Nächster Artikel
Mit Musik anspielen gegen die verlorene Hoffnung

Schräge Theaterhelden: Kneipenchef Zinos (Camil Morariu, von links), Kellnerin Lucia (Lisa-Marie Gerl) und Zinos kleinkrimineller Bruder Illias (Ogün Derendeli).Foto: Neven Allgeier

Marburg. Man muss sie einfach lieben, diese Typen, die in der Galeria Classica über die Bühne fegen. Punks, Kleinkriminelle und Außenseiter haben in dem Restaurant „Soul Kitchen“ eine Bleibe, eine Heimat gefunden - vor allem weil der Besitzer Zinos so ein großes Herz hat. Camil Morariu spielt mitreißend diesen Träumer und sympathischen Pechvogel, der eigentlich alles, was er anpackt, zumindest nach wirtschaftlichen Kriterien falsch macht und letztlich doch immer richtig liegt, weil er Freundschaft über Gewinnoptimierung stellt.

Das ist der soziale Kern dieser kleinen Geschichte aus einer Zeit, die eine bunte Subkultur und Multikulti-Gesellschaft beschreibt. Pegida- und AfD-Wutbürger kannte man damals noch nicht. Die Gentrifizierung allerdings, also die Vertreibung von ärmeren Menschen aus attraktiven Lagen, die schritt bereits damals still und leise voran. Im Film und im Stück verkörpert sie der skrupellose Neumann (großartig: Stefan A. Piskorz als rücksichtsloser Emporkömmling).

Diese gesellschaftlichen Aspekte schimmern in „Soul Kitchen“ durch. In erster Linie aber ist das Stück eine sehr witzige Komödie: Intendant Matthias Faltz präsentiert in knapp zwei Stunden allerbeste Unterhaltung mit viel Musik, vielen Gags und gekonnten Choreografien, die Ekaterina Khmare mit der Tanzformation Lichtblicke einstudiert hat.

"Soul Kitchen" hat Kultcharakter

Nach den „Blues Brothers“ hat Faltz mit Fatih Akins „Soul Kitchen“ wieder einen Film auf die Bühne gebracht, der in Deutschland einen gewissen Kultcharakter hat. Und wie bei den „Blues Brothers“ gelingt es ihm mit einer Fülle an Einfällen, tollen Darstellern und einem großartigen Bühnenbild dem Stück einen ganz eigenen Zauber zu geben, dem man sich als Zuschauer nicht entziehen kann.

Das Team um Harm Naaijer (Bühne) hat eine Kneipe in die Galeria Classica gezimmert - mit Theke, Küche, einem Billardtisch und kleinen Tischen. Betreten wird „Soul Kitchen“ über die Außenrampe des ehemaligen Autohauses. „Das ist ja genauso wie im Film“, schwärmt ein junges Paar beim Aufstieg.

Während das Publikum seine Plätze sucht, spielt eine Band entspannten Barjazz. Einige Tische sind bereits besetzt von Punks, die sich zuprosten. Der Übergang ins Stück ist fließend.

Neben dem Eingang spielt die Band - und die ist diesmal nicht „eingekauft“, sie besteht aus den ungemein vielseitigen Darstellern, die Punk- , Techno, Rap- und Popsongs singen und spielen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Zu hören sind etwa „Bring den Vorschlaghammer mit“ von Element of Crime, oder „Kids (2 Finger an den Kopf)“ aus der Feder des Rappers Marteria. Hut ab vor der Leistung der Schauspieler und des musikalischen Leiters Michael Lohmann.

Darsteller fühlen sich wohl in ihren Rollen

Das Problem der filmischen „Außenszenen“ am Flughafen, im Knast, im Auto löst Faltz geradezu genial mit wackeligen, live vor großformatigen Fotos eingespielten Handy-Videos.

Die Geschichte des Stückes ist im Grunde schnell erzählt: Zinos betreibt eine eher schlecht laufende Kneipe. Seine Freundin geht beruflich nach Shanghai, er fängt sich einen bösen Bandscheibenvorfall ein und zu allem Überfluss taucht auch noch sein krimineller Bruder Illias (Ögün Derendeli) auf. Der braucht als Knastfreigänger unbedingt einen Job. Mit dem durchgeknallten Koch Shayn (Karlheinz Schmitt) geht es dann steil aufwärts und Kellnerin Lucia (Lisa-Marie Gerl) hält den Laden irgendwie zusammen, bis Illias das Ruder übernimmt.

Die Darsteller spielen durchweg großartig, fühlen sich spürbar wohl in ihren Rollen. Dies gilt auch für Artur Molin, Julia Doege und Maximilian Heckmann, die permanent in andere Rollen schlüpfen müssen - und dies souverän meistern. So ist Faltz mit „Soul Kitchen“ ein wunderbares Antidepressivum in der dunklen Vorweihnachtszeit gelungen, das ein Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer zaubert. Unbedingt ansehen.

  • Weitere Aufführungen sind am Donnerstag, 26. November, am Sonntag, 29. November sowie am 2., 4., 11., 15. und 18. Dezember ab 19.30 Uhr in der Galeria Classica. Karten gibt es an der Theaterkasse in der Galeria Classica oder im Internet unter www.theater-marburg.com 

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr