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Skurrile Szenen am Hauptbahnhof

Theater Gegenstand: „Auf der Durchreise“ Skurrile Szenen am Hauptbahnhof

Eine gewisse Verwirrung war abzulesen auf den Gesichtern mancher Reisender, die am Montagabend am Marburger Hauptbahnhof ankamen oder abreisten.

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Nicht nur die Spurensicherung war vor dem Hauptbahnhof: Amüsiert und interessiert verfolgen Passanten und Reisende die Performance von Theater Gegenstand.

Quelle: Heike Döhn

Marburg. Seltsame Leute waren auf dem neu gestalteten Bahnhofsvorplatz unterwegs, mit altmodischen Koffern und seltsamer Kleidung. Des Rätsels Lösung: Theater Gegenstand beginnt seine Sommertheater-Inszenierung „Auf der Durchreise“ mit einer Performance vor dem Bahnhof und die Darsteller mischen sich ohne Vorwarnung unter das Volk.

Geschichten vom Abschied und vom Ankommen, vom Unterwegssein und von Rastlosigkeit erzählen über 20 Darsteller im Alter von 16 bis 77 Jahren, vom Reisen als Suche und als Rätsel. Rätselhaft war auch so manches, was sich da abspielte, untermalt von Musik und dem Pfeifen von Lokomotiven.

Manche Akteure sprachen die Umstehenden einfach an oder präsentierten einen Koffer voller Postkarten aus aller Herren Länder, andere sicherten Spuren, bauten sich einen kleinen Strand auf oder ließen Ballons platzen. Viele Passanten blieben stehen und schauten zu, andere eilten gehetzt vorbei – und aus all diesen Begegnungen entstand ein schön anzusehendes, unterhaltsames Ganzes.

Hotelpagen leiten die Zuschauer

Dieser erste Teil von „Auf der Durchreise“ dauert etwa eine Dreiviertelstunde und ist für alle frei. Dann aber geht es in das benachbarte Möbelgeschäft „Güterbahnhof 12“, und dafür braucht man eine Eintrittskarte, die einen zu einem der fünf darin befindlichen „Hotels“ führt. In denen spielen sich fünf Geschichten ab, inszeniert von Karin Winkelsträter und Sabine Kröning.

Auch diese Geschichten haben das Reisen und die Begegnung mit dem Fremden zum Thema – auch wenn es eine Reise durch die Zeit, in die eigene Vergangenheit sein konnte. Nach und nach geleiteten Hotelpagen die Zuschauer von Szene zu Szene, wobei es stets musikalische Begleitung gab und die anderen Spielszenen auch im Hintergrund hörbar blieben – ein Verfremdungseffekt, der dem Publikum einige Konzentration abverlangt, aber auch seinen ganz eigenen Reiz hat.

Die etwa zehn Minuten währenden kleinen Geschichten haben ganz unterschiedliche literarische Vorlagen von Herta Müller über Alice Munroe bis Arthur Conan Doyle. Da verfolgt eine junge Frau den Mann, den sie liebt, in sein Hotel, doch der will seine Ehe für sie nicht aufs Spiel setzen. Da hilft der in Marburg Station machende Sherlock Holmes der hiesigen Polizei, einen skurrilen Mordfall zu lösen. Und ein Flüchtling muss in einem fremden Land zurechtkommen.

Zarter Moment bleibt hängen

Theater Gegenstand, das für diese Produktion mit dem „ACTeasy Jugendtheaterclub“ kooperiert, zeichnet aus, dass es Theaterinteressierten eine Plattform geben will, ganz egal, welche Vorkenntnisse da sind. Und so mischten sich alte Hasen mit Akteuren, die zum ersten Mal in einem Theaterstück mitwirken. Entsprechend unterschiedlich waren die Ausdrucksmöglichkeiten, doch die Leidenschaft für das Spiel war allen gemein.

Besonders berührend ist der Dialog zwischen einer dementen alten Dame und ihrer Tochter, den die älteste Darstellerin Christine Walloch, und Inga Blix zutiefst anrührend spielen. Ein zarter Moment, der hängenbleibt, ist auch der selbstvergessene Tanz der lebensüberdrüssigen älteren Frau, die im Hotelzimmer von ihrer Erinnerung in die Vergangenheit getragen wird.

Skurril, witzig, traurig, verwirrend – die Mischung aus Performance und Theater ist nie langweilig. Dazu kommen tolle Musiker: die Musikschul-Band Circadian, das Duo Dos En Desbandada, Bernd Duve-Papendorf, Jim Kleuser und Benny Rosemeier. Und am Ende gibt es sogar noch einen leidenschaftlichen Tango.

  • „Auf der Durchreise“ ist bis Sonntag täglich ab 19.30 Uhr zu erleben. Karten gibt es bei Marburg Tourismus am Pilgrimstein 26, bei Blumen Greven am Hauptbahnhof, im Güterbahnhof 12 und bei Naturkost Lavari in der Frauenbergstraße 16 oder unter 06421/686901 oder per Mail an mail@theater-gegenstand .

von Heike Döhn

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