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Singen verpackt als Gute-Laune-Paket

„Rudelsingen“ in der Waggonhalle Singen verpackt als Gute-Laune-Paket

Schöne Stimme. Egal. ­Töne treffen. Zweitrangig. Rhythmus. Schnurz. Man muss nur singen wollen. Mehr als 100 Besucher 
kamen zur Premiere des „Rudelsingens“ in die Waggonhalle und hatten einfach Spaß.

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Gut gelaunt singen die Besucher alte Hits und Gassenhauer.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. „Da machen wir ein Dauer-Abo draus“, sagt Corinna Becker aus Gisselberg. Sie ist am Dienstag mit Freunden zur Marburg-Premiere des „Rudelsingens“ in die Waggonhalle gekommen, weil sie gerne singt.

Das geht nicht immer und schon gar überall so leicht, wie bei dem Event, das sich von Münster aus seit Jahren stetig in Deutschland ausbreitet wie ein ansteckendes, aber ungefährliches Virus. „Wenn ich Lieder im Auto mitsinge, sagen die Kinder: ­Mama, du bist peinlich“, meint Corinna Becker.

Damit steht sie sicherlich nicht alleine. Viele Menschen singen gerne. Singen ist gesund, schüttet jede Menge Endorphine aus, singen macht glücklich, meint „Vorsänger“ Jörg Siewert. Ein Blick in die Runde gibt ihm recht: Kaum hat der Abend mit dem 70er-Jahre-Hit „Country Roads“ begonnen, umspielt ein Lächeln die Münder der meisten Besucher. Mehr als 100 Menschen haben den Weg in das Kulturzentrum gefunden, Frauen sind deutlich in der Mehrheit. Ansonsten ist das Publikum bunt gemischt: vom Studenten bis zum Rentner.

Gut gelaunte Gäste beim „Rudelsingen“ in der Waggonhalle.

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Jörg Siewert mit seiner Akustik-Gitarre und sein Begleiter Steffen Walter am E-Piano halten sich nicht lange mit Erklärungen auf: Es gibt nur eine Regel, ruft Siewert in den Saal, wo sich zu Beginn viele auf die Stühle im Hintergrund verkrümelt haben: „Wir singen im Stehen. Und kommt mal ein bisschen näher.“

Wer Karaoke kennt hat eine­ kleine Ahnung vom Rudelsingen: Nur singt man eben im Rudel, nicht alleine. Wer schief singt oder brummt fällt in der Masse nicht auf. Je lauter und enthusiastischer, desto besser für alle. Denn beim Rudelsingen ist das Publikum die Show.

Es ist auch nicht sonderlich schwer: Die Texte werden in großen Buchstaben auf eine Leinwand geworfen, Siewert und Walter geben mit ihren Instrumenten den Takt und die Melodielinien vor. Gesungen werden meist alte Hits die jeder kennt: „Let it be“ von den Beatles, „Über den Wolken“ von Reinhard Mey, „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens.

Geringer Aufwand, großer Ertrag

Deutsche Songs wechseln sich ab mit englischen, Schlager wie Michael Holms „Tränen lügen nicht“ mit dem Dschungelbuch-Klassiker wie „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“, Gassenhauer wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ mit aktuellen Hits wie „Applaus Applaus“ von den Sportfreunden Stiller.

Das Konzept ist einfach, der Aufwand gering, der Ertrag auf beiden Seiten groß: Die einen haben Spaß, die anderen verdienen Geld, denn das Karaoke für alle kostet Eintritt. Das „Rudelsingen“ hat der Musiker David Rauterberg vor knapp vier Jahren in Münster entwickelt, wo demnächst das 39. Karaoke für alle über die Bühne geht.

Und er hat damit eine Marktlücke entdeckt. Längst hat sich das Rudelsingen über Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ausgebreitet. Sieben Zwei-Mann-Teams sind inzwischen in der Republik unterwegs, um die Singleidenschaft der Deutschen zu befriedigen oder zu wecken.

„Das gibt es sonst nirgendwo“

Jörg Siewert und Steffen Walter, der übrigens in Marburg studiert hat, sollen nun Hessen und Rheinland-Pfalz erobern. Nach Gießen war Marburg an der Reihe, demnächst folgt Mainz.
Siewerts witzige und unaufdringliche Moderation mit kleinen Exkursen in die jüngere Musikgeschichte kommt gut an. Er weiß, was er macht, schließlich ist er im Hauptberuf Bildungswissenschaftler an der Uni Siegen und nebenbei ausgebildeter Chorleiter.

Blickt man auf die Reaktionen des Marburger Premieren-Publikums ist absehbar: Das Rudelsingen wird auch in der alten Unistadt ein Renner. „Singen finde ich total klasse“, sagt der Student Andreas Heiser. „Die Lieder kann jeder mitsingen, aus jeder Generation. Das gibt es sonst nirgendwo.“

Bernhard Dumpies kommt aus der Nähe von Gießen und wurde von seiner Tochter mitgenommen. „Es ist ein schöner Abend. Hier kann man auch mal ,Männer sind Schweine‘ singen“, meint er schmunzelnd und macht sich wieder auf den Weg ins Rudel.

Fortsetzung folgt am 8. Dezember

Tatjana Dyrhoff ist mit Freundinnen gekommen, zum Testen. Eigentlich singen sie im Step-In. „Es macht gleich gute Laune und entspannt unglaublich“, meint sie. Sie wird Freunde animieren, das nächste Mal mitzukommen. Ginge es nach Stephan Gaberdiel aus Gisselberg, würden die Veranstalter einen arbeitnehmerfreundlichen anderen Tag wählen: „Das ist doch Partystimmung pur für‘s Wochenende.“

Das nächste Rudelsingen steht schon fest: Am 8. Dezember um 19.30 Uhr in der Waggonhalle. Anmeldung ist erwünscht (und empfohlen) unter www.rudelsingen.de

von Uwe Badouin

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