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Sie lästern, lügen und streiten

Theater-Performance „Supperville“ Sie lästern, lügen und streiten

Vorwürfe, schnippische Kommentare und Lästereien beim jährlichen Familientreffen: Die Zuschauer waren begeistert von dem improvisierten Schauspiel in der Waggonhalle in Marburg.

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Familientreffen: Wer in welche Rolle schlüpft, erfuhren die Darsteller erst fünf Minuten vor der Aufführung.

Quelle: +Veranstalter

Marburg. „Du bist schwanger und weißt nicht mal genau von wem? Ehrlich, das kann auch nur dir passieren, solche Gene muss man wirklich nicht noch weitergeben!“ Wer sich bei diesem Satz wundert, welcher Theaterautor sich solche Bosheiten ausdenkt, ist im Grunde der verborgenen Gemeinheit auf der Spur, die vielleicht in uns allen steckt. Das Zitat war nämlich spontan ausgedacht und stammt aus der Theater-Performance „Supperville“, aufgeführt in der Waggonhalle am vergangenen Donnerstag, bei der es sich um ein weitestgehend improvisiertes Stück handelte.

„Es gab nur eine ganz vage­ vorgegebene Rahmenhandlung, dass die neun Darstellerinnen­ und Darsteller alle zu einer ­Familie gehören, die sich einmal im Jahr trifft, um zu Essen und ein Foto zu machen“, erklärte Regisseur Martin Esters. Wer welche Rolle spielt, haben die Darsteller erst fünf Minuten vorher erfahren – und wer in welcher Beziehung zu wem steht, ist völlig offen.

Ohne Text und ganz spontan

Damit die teilweise noch neuen, teilweise bereits sehr ­erfahrenen Schauspieler des ­Kooperationsprojekts des Fast Forward Theatre mit TheaterGegenstand und den Conscientious Mythmakers zumindest ein Gefühl füreinander bekamen, gab es vorher sechs längere Proben. „Ansonsten ist es völlig offen, wie der Abend verläuft und wer wiederum in der folgenden Aufführung welche Rolle spielt, ist auch nicht klar“, so Esters. An diesem Abend entschieden sich die Darstellerinnen und Darsteller jedenfalls allesamt dafür, sich entweder wie im Eingangszitat direkt oder in sicherer Distanz hinter dem Rücken anderer gegenseitig aufs Schärfste zu kritisieren.

Dabei kam es zu teilweise herrlich treffenden spontanen Einwürfen, welche eine gute Chemie der einzelnen Künstler zueinander vermuten ließen. Als etwa der von allen verachtete und aufgrund seines zu erbenden Vermögens in den Tod gewünscht Opa erzählte: „Ich habe eine so gute Köchin, weil ich in Italien viele ausprobiert habe!“, bemerkte seine geschiedene Ehefrau umgehend schnippisch: „Im wahrsten Sinne!“ Woraufhin der Großvater lässig mit „Ich war eben noch nie ein Kostverächter“ kontert.

Natürlich gehörten Lästereien über den unfähigen Nachwuchs auf dem abseits stehenden Sofa­ ebenso dazu, wie offene Empörung über die ungeplante Schwangerschaft der eingangs erwähnten, sehr freizügigen Enkelin. Echtes Familienleben also sagen, wenn auch im schlimmsten Sinne.

Die rund 50 Gäste waren jedenfalls von der spontanen Performance durchaus überzeugt. Wer wissen möchte, was beim nächsten Mal passiert, der hat am 26. Mai noch einmal Gelegenheit, der Truppe bei ihrer unterhaltsamen Planlosigkeit zuzusehen.

von Marcus Hergenhan

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