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„Sie können Ihre Rente auch leise genießen“

Poetry-Slam bei „Marburg Open“ „Sie können Ihre Rente auch leise genießen“

Wenn es beim Poetry-Slam ums Masturbieren und um die Forderung der Diskriminierung von Kindern geht, kann nur Lisa Eckhart am Mikrofon stehen.

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Moderator Bo Wimmer mit der Gewinnerin beim Poetry-Slam Lisa Eckhart.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Am Freitagabend zeigte die Österreicherin beim Poetry Slam der „Marburg Open 2015“, warum sie zur Elite der deutschsprachigen Slammer-Szene gehört. Von Moderator und Marburgs Slammer-Ikone Bo Wimmer zur „österreichischen Kaiserin“ ausgerufen, setzte sich Eckhart in einer hochklassigen Finalrunde gegen den Wetzlarer Stefan Dörsing und den US-Amerikaner Mike McGee durch.

Zunächst musste Wimmer einige Leute zur Ruhe ermahnen, die wohl nicht wegen humoristischen Reimen gekommen waren, sondern einen ereignisreichen Tag beim Tennis-Turnier lautstark ausklingen lassen wollten. Doch da hatten sie ihre Rechnung ohne den in ein komplett weißes Tennis-Outfit gehüllten Bo Wimmer gemacht.

„Hey, hey, hey! Sie können Ihre Rente auch leise genießen“, rief er. Der Spruch saß wie ein Ass beim Aufschlagspiel. Stille kehrte ein, von den rund 150 Zuschauern gab es Szenenapplaus. Danach war die Bahn frei für sechs Wortartisten. Neben den drei Finalisten standen noch die Marburger „Benelüx“, Anna Rau und Markus Rakete auf der Bühne, sie schieden jedoch in der Hauptrunde aus.

Stefan Dörsing, der Moralist unter den Slammern, trumpfte in der Finalrunde mit dem Gedicht „Es geht nur um drei Dinge“ auf. Es ist eine fünfminütige philosophische Verbaltirade gegen alles, was ihm „auf den Magen schlägt. Dazu gehören insbesondere „Wohlstandskrüppel“. Denn aus zu viel Wohlstand entstehe seelischer Notstand, der sich auch mit dem eigenen Leben herumplage.

Für den Sieg reichte dieses Poetry-Prachtstück nicht. Der Applaus der Zuschauer, mit dem der Gewinner bestimmt wird, war für Lisa Eckhart am lautesten. Die in Berlin lebende Österreicherin gab sich als rotzfreche und politisch inkorrekte Göre. Sie präsentierte dem Publikum vollmundig einen Vier-Punkte-Plan zur Lösung aller Probleme der Menschheit, der die Lachmuskeln strapazierte.

Einer dieser vier Punkte sei die Diskriminierung von Kindern. Erwachsene behaupteten nämlich: „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg! Schaut doch mal nach Bangladesch.“ Wann ihr solche Gedanken kämen? Beim Masturbieren sei viel Zeit zum Sinnieren, so Eckhart.

Wer es an diesem Abend eher emotional mochte, für den war Mike McGee (Foto: Kaiser) der richtige Mann. Gekonnt verstand es der Poetry-Slam-Weltmeister von 2006 das Thema Liebe mit urkomischen Pointen in Versform zu verarbeiten. „Wenn nur alle Amerikaner so wären wie Du“, lobte Wimmer den vollbärtigen Mann aus dem US-Staat Kalifornien.

von Benjamin Kaiser

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