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Kammerspiel mit experimenteller Note

"Julius Caesar" eingedampft Kammerspiel mit experimenteller Note

Zwei Schauspieler und eine Schauspielerin stemmen William Shakespeares Tragödie „Julius Caesar“. Am Samstag gab es in der ausverkauften Black Box viel Applaus für die ungewöhnliche Inszenierung viel Applaus.

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Die Verschwörer Brutus (Angelina Häntsch) und Cassius (Maximilian Heckmann) wollen Caesar (Michael Köckritz, hinten) ermorden. Rechts ist der Schlagzeuger Oli Friedrich zu sehen.

Quelle: Bosch

Marburg. Keine Angst vor großen Namen beweisen der junge Regisseur Jonas Schneider bei seinem Regiedebüt am Hessischen Landestheater und Dramaturg Matthias Döpke. Aus Shakespeares großer und bis ins 20. Jahrhundert hinein sehr populärer Tragödie „Julius Caesar“ haben sie ein Kammerspiel gemacht. Etwa zwei Drittel des Textes haben sie gestrichen, ebenso elf Rollen: Die Triumvirn Octavius Caesar und Marcus Lepidus - weg. Der Senator Cicero - weg. Brutus’ Frau Portia, Caesars Frau Calpurnia - weg. Brauchen wir nicht, sagen sich die beiden. Und die Mitverschwörer Casca, Trebonius, Ligarius, Decius, Metellus und Cinna werden nur namentlich genannt. Text unnötig.

Geblieben sind die Verschwörer Cassius (Maximilian Heckmann) und Brutus (Angelina Häntsch) sowie Julius Caesar und Marc Anton, die Michael Köckritz in Personalunion übernimmt. Letzteres ist folgerichtig: Der Tyrann Caesar hat nicht allzu viele Auftritte, stirbt früh und ist später nur als Person, über die gesprochen wird, präsent.

Ein rücksichtsloser, grausamer Feldherr

Gaius Julius Caesar (100 bis 44 v. Chr.) kennen Lateinschüler in erster Linie aus dem „De Bello Gallico“. In seiner Beschreibung des mörderischen gallischen Krieges zeichnet er von sich das Bild eines großen Feldherrn. Andere kennen ihn aus den Asterix-Comics als den listig-schrulligen „Chef“ der tumben Römer. Beide Bilder sind falsch: Caesar war ein rücksichtsloser, grausamer Feldherr und Politiker, der das Ende der römischen Republik einläutete. Für William Shakespeare spielte dessen Brutalität keine große Rolle. Der Renaissance-Dichter kannte Herrscher nicht anders, also musste er Caesars Grausamkeit gar nicht groß betonen.

Das macht indirekt das Regieteam. Michael Köckritz strahlt in den wenigen Auftritten als Caesar eine große Aggressivität aus - nicht durch seine Handlungen oder seine Worte, sondern einfach durch seine bedrohliche Aura. Man möchte ihm nicht nachts alleine begegnen.

Bemerkenswerte Bühne

Angesiedelt ist das intensive Kammerspiel auf einer bemerkenswerten, von Marlene Lockemann entworfenen Bühne: Fast der gesamte Bühnenraum wird von einer aufsteigenden, weißen Holzfläche mit großen Lücken ausgefüllt. Für die drei Darsteller ist dies nicht ungefährlich. Sie müssen sich nicht nur auf ihre Texte, sondern auch auf die Pfade konzentrieren. In einem der Abgründe hockt der Schlagzeuger Oli Friedrich, der das gesamte Stück mit seinem Spiel begleitet.

Verschwörer Cassius und Brutus im Fokus

Der Fokus der Inszenierung liegt auf den Verschwörern Cassius und dem lange zweifelnden Brutus. Kann er seinen Freund Caesar töten? Ja, aus Liebe zur gefährdeten Republik.

Ein Konzentrat über Macht und Moral

Jonas Schneider macht aus dem etwa viereinhalb Stunden langen „Julius Caesar“ ein 90-minütiges Konzentrat über Macht und Moral, Intrigen und Tyrannenmord. Höhepunkt ist die große Rede Marc Antons - die Rede eines Demagogen, der seine Chance sieht und nutzt: Veni, vidi, vici - ich kam, ich sah, ich siegte, hätte Caesar gesagt.

Michael Köckritz, Maximilian Heckmann und Angelina Häntsch sind durchgehend ungemein präsent. Ausstatterin Magdalena Vogt hat sie in heutige Alltagskleidung gesteckt, die ganz weit weg ist von den Tuniken des alten Roms. Auch dies gehört - wie die Mittel des Bewegungstheaters - zu dem weitgehend gelungenen Versuch, das Geschichtsdrama in unsere Zeit zu transportieren.

  • Weitere Vorstellungen sind am 25. und 28. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr.

von Uwe Badouin

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