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Sesselfurzerpolka, Kalb und Wahnsinn

Bluesfest in Albshausen Sesselfurzerpolka, Kalb und Wahnsinn

Familienfest, Lager­feuerromantik und dazu erstklassige Musik, die unter die Haut geht: Das 1. Bluesfest Albshausen war ein voller Erfolg.

Gute Stimmung am Lagerfeuer: Die „Blueskapelle Marburg“ und drei weitere Künstler begeisterten beim 1. Bluesfest. Fotos: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Albshausen. Die Nacht ist mild, die Sterne funkeln am wolkenlosen Himmelszelt. Das Lagerfeuer wirft seinen rotgelben Schein auf die grünblühenden Bäume. Mundharmonika, Bass, Gitarre und Schlagzeug animieren zum Mitwippen. Einzelne tanzen. Wer Bluesmusik mit Melancholie in Verbindung bringt, hat noch nie die „Blueskapelle Marburg“ zu hören bekommen. Die vier gestandenen Musiker verwandeln Schwermut in Spaß und verpacken das Ganze in aberwitzigen Texten.

„Ich spiel für dich nie mehr den Affenmann“, singt Peter Volksdorf ins Mikrofon und bearbeitet dann seine Mund­harmonika, als gäbe es kein morgen mehr. Soll es anscheinend auch nicht. 150 Besucher auf dem Grillplatz Albshausen machen dank der mitreißenden Blueskapelle die Nacht zum Tag. Die vier Verfechter der Muttersprachenbluesmusik sind der Höhepunkt des 1. Albshäuser Bluesfestes, das Dennis Barmbold, Ingo Hartmann und Alexander Pfob aus der Taufe gehoben haben.

Bisher war das kleine 300-Seelen-Dorf im Herzen des Ost­kreises für seine härtere Gangart bekannt. Vor zwei Jahren bevölkerten langhaarige Schwermetaller und bärtige Southernrock-Fans den Sportplatz, der zum „Black-Sunset-Festival“- Gelände umfunktioniert wurde.

Nun sollte es Blues sein und nicht mehr ganz so laut werden. Gemütlichkeit war die Devise und die wurde eingehalten: Schon nachmittags hatte das Bluesfest den Charakter eines Familienhappenings. Überall tobten Kinder über den kleinen Grillplatz, rutschten auf dem Hosenboden die grünen Hügel hinab und mampften Popcorn aus Vater Barmbolds Popcornmaschine. Dazu gab’s Schönes auf die Ohren: „Ananda“ coverte inbrünstig. „The legendary Ecky“ bespielte seine Akustik­gitarre leidenschaftlich.

Die Veranstaltung stand unter einem guten Omen. War doch noch während des Aufbaus auf dem Nachbarhof ein kleines Kälbchen zur Welt gekommen. Ganz im Sinne der Liebhaber von Südstaatenmusik und Otis-Redding-Anhänger wurde der kleine Bulle „Otis“ getauft. Bei der Geburt des 1. Blues­festes dabei gewesen zu sein, erfreut am Abend auch die „Blueskapelle Marburg“. Sie verwandelt ihre Euphorie in mit­reißende Musik und begeistert mit eingängigen Hits wie der „Sesselfurzerpolka“.

Als Kontrastprogramm zur Gute-Laune-Musik der Blueskapelle gibt Jost Heinrich Walter den musikalischen Absacker. Schon bei den ersten Klängen wird dem ganzen Dorf klar: Hier steht ein großer Musiker auf der kleinen Bühne: Walters Reibeisenstimme geht unter die Haut. Seine Version von Johnny Cashs „Hurt“ ist in Töne gepresste Depression. Die Gitarre heult und der Wahnsinn aus Walters Stimmbändern tropft aus den Boxen. Ein Feuerwerk aus Schmerz. Eine musikalische Offenbarung.

Für das ganze Bluesfest gilt: Wiederholung, bitte!

von Nadine Weigel

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