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Schwere Zeiten für den Konzertverein

Mitgliederversammlung Schwere Zeiten für den Konzertverein

Der Vorstand des Marburger Konzertvereins ist ­derzeit nicht zu beneiden. Nur neun von knapp 100 Mitgliedern kamen zur jüngsten  Mitgliederversammlung. Die Finanzen sind auch nicht rosig.

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Marburger Konzertbesucher warten im Erwin-Piscator-Haus auf den Auftritt des Pianisten Alexander Schimpf, der beim Konzertverein gastierte.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wir bieten ein Großstadtprogramm zu Kleinstadtpreisen“, sagt Dr. Katrin Hensel. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des altehrwürdigen Konzertvereins, dessen Wurzeln weit zurückreichen ins 18. Jahrhundert. Tatsächlich präsentiert der Konzertverein oft Stars der klassischen Musikszene, die mit gleichen Programmen in Großstädten zu deutlich höheren Preisen auftreten. An der Preisschraube drehen will der Vorsitzende Dr. Friedemann Nassauer allerdings nicht, zu umstritten waren die letzten Preiserhöhungen beim Publikum.

Mehr Einnahmen sind allerdings unabdingbar: Der Verein hat im Jahr 2016 trotz Einnahmen in Höhe von 131.000 Euro ein Defizit in Höhe von 12.341 Euro erwirtschaftet. Diese Zahlen nannte vergangenen Freitagabend Schatzmeisterin Ursula Mohr bei der Mitgliederversammlung des Vereins, die zeitgleich mit der Nacht der Kunst stattfand. Vielleicht war dies ein Grund, warum nur neun der rund 100 Mitglieder in die Waldorfschule gekommen waren.

16.000 Euro Gage für ein gutes Orchester

Es ist nicht das erste Saisondefizit des Konzertvereins, es wird vermutlich auch nicht das letzte sein. 38.000 Euro erhielt der Konzertverein bislang von Musikfreunden als zinsloses Darlehen, um Engpässe zu überbrücken. Dieses Geld muss irgendwann zurückgezahlt werden. Spendenauf­rufe bei Mitgliedern und Konzertbesuchern brachten dem Verein 15.000 Euro ein, um Gagen zahlen zu können. „Das war großartig, dafür danke ich den Spendern sehr“, sagt Nassauer.

Zehn Konzerte veranstaltet der Marburger Konzertverein pro Saison – mit „international renommierten Künstlern“, wie auf der Homepage betont wird. Bis zu 16.000 Euro zahlt man für ein gutes Orchester, doch dafür kommt kein berühmtes A-Orchester nach Marburg, das den Saal im Handumdrehen füllen würde. 111.000 Euro hat der Konzertverein im Jahr 2016 laut Schatzmeisterin Mohr für Künstler ausgegeben. Hinzu kommen Versicherungen, Werbekosten, Gema-Gebühren, Künstlersozialkasse, Kosten für Personal der Stadthalle. Die Liste ließe sich fortsetzen. Der Blumenschmuck wird schon seit Jahren eingespart, doch das rettet den Verein nicht. Und jetzt kürzt die Stadt im Zuge der Sparmaßnahmen noch den Zuschuss in Höhe von 33.600 Euro um 7 Prozent im Jahr 2017 und vermutlich um 12 Prozent im Jahr 2018. Die Zukunft wird also keineswegs einfacher.

Verein steckt in einem Teufelskreis

Der Vorsitzende Friedemann Nassauer achtet bei der Auswahl der Musiker auf hohe Reputation und Können. Rückblickend sprach er von einer „erstaunlich erfolgreichen Saison“ 2016/17 mit „einigen Sternstunden“, von Konzerten, die „mit sehr viel Beifall“ bedacht wurden. Kurzum: Die Konzerte kamen beim Publikum sehr gut an, künstlerisch gab es nichts zu meckern. Geht es nach Nassauer, soll auch künftig nicht an der Qualität gerüttelt werden. „Wir müssen Qualität buchen, sonst laufen uns die Zuhörer weg“, sagt der Vorsitzende.

Der Konzertverein steckt in einem Teufelskreis: Während die Kosten steigen oder zumindest stagnieren, sinken die Zuhörerzahlen. Insbesondere die Zahl der Abonnenten, die für den Konzertverein von eminent wichtiger Bedeutung ist, nimmt seit Jahren leicht, aber stetig ab. Exakte Zahlen wurden bei der Mitgliederversammlung nicht genannt, weil Geschäftsführer Manfred Eckhardt wegen einer Erkrankung nicht teilnehmen konnte. Er ist die Seele des Vereins und seit 31 Jahren Herr über die Zahlen.

Bislang keine Sponsoren in Sicht

Die erfolgreichsten Konzerte des Jahres waren die beiden großen Orchesterkonzerte, die auch ein junges Publikum angesprochen haben. Das Bundesjugendorchester war ebenso ausverkauft, wie das Kinder- und Jugendkonzert der Jungen Philharmonie. Trotzdem deckten beide die Kosten nicht. Warum? Das Kinder- und Jugendkonzert wird zum familienfreundlichen Preis von 3 Euro für Kinder und 6 Euro für Erwachsene angeboten. Schüler und Studenten, die in Scharen zum Bundesjugendorchester kamen, bekommen an der Abendkasse Karten zum Sonderpreis. Das Ergebnis: Zwei volle Häuser, dennoch ein Minus in der Kasse.

Der Konzertverein hofft nun, heimische Unternehmen als Sponsoren gewinnen zu können. „Bislang hatten wir aber ein relativ geringes Echo“, sagt der Vorsitzende Nassauer. Er will und muss die Honorarkosten „drastisch reduzieren“. Das größte Problem ist aber: „Die Zuschüsse der Stadt sind zu gering. Der Konzertverein kann auf Dauer nur florieren, wenn die Stadt mehr Geld für Kultur ausgibt.“ Ohne Hilfe droht ein zentraler Teil der bürgerlichen Marburger Kulturszene wegzubrechen. „Noch bestehen wir“, sagt Nassauer. Das Programm für die kommende Spielzeit steht.

von Uwe Badouin

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