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„Schwabing spielt Weltrevolution“

OP-Buchtipp: Victor Klemperer: „... Revolutionstagebuch 1919“ „Schwabing spielt Weltrevolution“

Seine Tagebücher aus der NS-Zeit sind ein einzigartiges Dokument zur Judenverfolgung. Nun zeigt ein neues Buch Victor Klemperer als aufmerksamen Chronisten der Münchner Räterepublik.

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Der Romanist und Philologe Victor Klemperer in einer zeitgenössischen Aufnahme.

Quelle: Aufbau-Verlag

Am meisten erstaunte Victor Klemperer die ungeheure Passivität der Münchner. Sie waren mittendrin in einer Revolution, betrachteten das Ganze aber eher wie Theaterzuschauer: „München nimmt sein tragikomisches Schicksal passiv hin“, schrieb er. „Die Passivität ist die einzige echtbayerische Zutat zu dieser Revolution, die von Nichtbayern gespielt wird und fremde Namen und fremde Institutionen kindisch nachahmt.“

Im Winter 1919 war Klemperer mit seiner Frau nach München gekommen, wo er sich als Privatdozent durchschlug. Gleichzeitig hatte er einen Auftrag als Korrespondent für die „Leipziger Neuesten Nachrichten“ angenommen. Unter dem Kürzel A. B. – es stand für „Antibavaricus“ – berichtete er von den politischen Umwälzungen in der bayerischen Metropole, die schließlich in eine kurzlebige kommunistische Räterepublik mündeten.

Klemperers Artikel sind nur zu einem geringen Teil veröffentlicht worden, viele erreichten ihr Ziel gar nicht, weil München damals von allen Postwegen abgeschnitten war. Veröffentlichte und unveröffentlichte Artikel hat jetzt der Aufbau Verlag in einem aufsehenerregenden Band publiziert: „Man möchte immer weinen und lachen in einem“.

Seinen besonderen Reiz erhält das Buch dadurch, dass die Artikel aus dem Jahr 1919 mit Klemperers Erinnerungen von 1942 abwechseln, in denen er die Revolutionsereignisse rückblickend Revue passieren ließ. Diese wurden bisher noch nicht veröffentlicht. Klemperers erst 1995 herausgegebene Tagebücher „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ sind eines der bewegendsten Dokumente zur Judenverfolgung im Dritten Reich.

Humanist bleibt Weimarer Geist verbunden

Klemperer (1881-1960) war ein guter Reporter. Anschaulich schildert er den Lesern im fernen Leipzig die verwickelten Geschehnisse im revolutionär aufgeheizten München. So gelingen ihm plastische Porträts der führenden Polit-Figuren. Etwas amüsiert, wenn auch nicht ohne Respekt vor ihrem Idealismus schaut er auf „Edelanarchisten“ wie den Schriftsteller Erich Mühsam. Diesen nennt er ein „liebevolles, hilfreiches, unkriegerisches Geschöpf“, das vom Berliner Caféhaus-Literaten zum Revolutionär mutierte.

Der sozialdemokratische Ministerpräsident Kurt Eisner, der die Anfangszeit des Münchner Zwischenspiels prägte, bis er von einem fanatischen rechten Antisemiten ermordet wurde, ist für ihn dieses „zarte, winzige gebrechliche, gebeugte Männchen, dem niemanden reinen Willen absprechen konnte“. Trotzdem hat für Klemperer diese Boheme-Revolution, die der kommunistischen Räterepublik vorausging, etwas Lächerliches und Unernstes: „Schwabing spielt Weltrevolution.“

Mit den Spartakisten, die im April 1919 an die Macht kamen, mochte er sich noch weniger anfreunden: „Jetzt, wo man sich um die Errichtung einer wahren Demokratie bemüht, ist mir Spartakus tausendmal verhasster, als mir zu Wilhelms Zeit die Rechte und die Offiziere waren.“ Der Humanist Klemperer bleibt den Liberalen und damit auch dem demokratischen Geist der Weimarer Republik verbunden.

Schon damals beobachtete Klemperer mit Sorge den zunehmenden Antisemitismus. Für die Münchner Bürger waren die Juden und die Preußen an allem Schuld. Noch war Klemperer nicht selbst betroffen: „Persönlich habe ich die ganze Münchner Zeit über niemals unter Antisemitismus zu leiden gehabt, aber bedrückt und isoliert fühlte ich mich doch durch ihn.“ Es war bereits ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte.

  • Victor Klemperer: „Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919“, Aufbau-Verlag, 263 Seiten, 19,95 Euro

von Sibylle Peine

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