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Schrille Komödie kann süchtig machen

Viel Lärm auf Marktplatz Schrille Komödie kann süchtig machen

Tolle Stimmung auf dem Marktplatz, erstmals kein Regen, eine witzig-überdrehte Premiere: Der Start in den Marburger Theatersommer am Donnerstag könnte besser kaum sein. Gäbe es da nicht Probleme mit Anwohnern.

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Hero (Sonka Vogt) in der Mitte, Claudio (Tom Bartels, rechts)  und Don Juan (Daniel Sempf, links) an den Bühnenfenstern.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die befürchteten Unwetter machten zur Premiere einen weiten Bogen um Marburg und gingen erst in der Nacht über dem Kreis nieder. So herrschten beste Voraussetzungen, als das Ensemble - angeführt von 13 Trommlern - wie eine mittelalterliche Spielmannstruppe einzog.

Eine Warnung vorweg: Stephan Suschkes schrille Version der Shakespeare-Komödie „Viel Lärm um nichts“ kann süchtig machen. Nach Slapstick, nach Sprachwitz und nach Klamauk.

Wer Kenneth Branaghs Verfilmung des alten Theaterstoffes kennt, dürfte sich verwundert die Augen reiben: Dieser wilde Jahrmarktstrubel soll das gleiche Stück sein? Die Antwort lautet: Ja, aber... Suschke hat die gut 400 Jahre Vorlage dramatisch gekürzt, teilweise umgestellt, sie sprachlich in unsere Zeit transportiert, aber die wesentlichen Szenen beibehalten.

Im Grunde dreht sich alles um die Liebe (und ein wenig auch um Geld - aber diese Heiratsmotive werden nur kurz angedeutet): Die schöne Hero (Sonka Voigt) und der Graf Claudio (Tom Bartels), die spitzzüngige Beatrice (Franziska Knetsch)und der Spötter Benedikt (Martin Maecker) sind die Paare, die im Zentrum des wilden Wirbels stehen. Suschke setzt das Stück mit Mitteln des Jahrmarkttheaters mit Feuertänzern der Marburger Gruppe Irrlicht und Irrsinn und einer wüsten Trommlergruppe, die von Mitgliedern von SambaNaNa angeleitet wird, in Szene.

Ein Video von den Proben:

Die Kostüme von Ausstatter Momme Röhrbein sind einfach nur toll. Die Trommler sind als Bürgerwehr mit einem Helm-Sammelsurium, Springer- und Motorradstiefeln ausstaffiert. Würden sie bei einer Demo mitmarschieren, die Polizei würde sie sofort einkesseln.

Beatrice und Hero stecken in Miniröcken, die von weißen Federn in Form gehalten werden. Alle Darsteller tragen helle Motorradmasken, die Gesichter sind dick geschminkt, die Augenpartien dunkel gefärbt. Die Mützen sind vor allem bei Rollenwechseln wichtig: Neue Haarteile auf die Wolle, schon wird etwa aus Benedikt der Gauner Borachio. Auch Röhrbeins Bühne entpuppt sich schnell als genialer Griff: Sie bietet auf relativ kleiner Fläche unglaublich viele Spielorte und ermöglicht schnelle Auf- und Abgänge.

Das Spektakel - hier trifft dieser Begriff wirklich zu - wird rasant präsentiert. Die Szenen greifen so schnell ineinander, dass man kaum Zeit findet, über die Witze zu lachen. Das ist vielleicht das einzige Manko dieser Open-Air-Inszenierung: Suschke lässt dem Zuschauer kaum Zeit zum Luftholen, denn auch die äußerst spielfreudigen Darsteller haben in diesem Theaterspaß jede Menge zu bieten - jede Figur wird zu einem schräg- überzeichneten Charakter-Typ:

Johannes Hubert spielt mitreißend und sss-panisch lisss-pelnd den Prinzen Don Pedro, Daniel Sempf macht aus dessen Bruder Don Juan einen intriganten, weinerlichen Psychopathen. Sonka Vogt ist die schüchterne und wunderbar übertrieben kichernde Hero, Tom Bartels ist zu sehen als Graf Claudio, der etwas schwer von Begriff ist und seine Schüchternheit hinter dem großspurigen Gehabe eines HipHoppers verbirgt, und als hündischer Diener Don Juans. Victoria Schmidt spielt die Kammerfrau Margareta mit einem herrlichen Sprachfehler.

Jürgen Helmut Keuchel und Thomas Streibig glänzen in Doppelrollen als ebenso überkandidelte wie tumbe Gerichtsdiener und als Vater und Onkel der Braut Hero. Als trottelige, Dialekt sprechende Wachen halten Bernd Wieland und Friedhelm Böttner von der Statisterie des Theaters mit den Profis mit.

Im Zentrum aber stehen die überzeugten Singles Beatrice und Benedikt. Die beiden sind eines der witzigsten Paare, die Shakespeare geschaffen hat. Die Dialoge von Franziska Knetsch, die sich die Rolle in kürzester Zeit angeeignet hat, und Martin Maecker gehören zu den Höhepunkten der Komödie. Solch boshafte Abfuhren bekommt kein Normalsterblicher.

Ein Tipp: Man sollte Plätze in der Nähe des Mittelgangs bevorzugen.

Weitere Aufführungen

  • 22, 23., 25, 26., 27., 28., 29. und 30. Juni sowie am 6. und 7. Juli jeweils ab 20 Uhr.
  • Karten gibt es unter Telefon 06421/ 25 60 8 oder im Internet unter www.theater-marburg.de.

von Uwe Badouin

Anwohner sauer wegen Lärm

Das Hessische Landestheater Marburg sieht sich angesichts der Produktion „Viel Lärm um nichts“ mit Protesten von Marktanwohnern konfrontiert. Dies sagte die stellvertretenden Intendantin Dr. Christine Tretow. „Es gibt Hinweise, dass sich eine Initiative gegen den Marburger Theatersommer gründen will“, sagte sie der OP. Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) und Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach (SPD) sagten auf Anfrage der OP, von einer solchen Initiative sei nichts bekannt. Laut Weinbach hat es bislang eine Beschwerde wegen der Trommlergruppe gegeben.

Wie Vaupel weiter mitteilte, haben in der Nacht zum Samstag gegen 4 Uhr Jugendliche auf dem Bühnenpodest randaliert und viele Anwohner um ihren Schlaf gebracht. Das sei eine Grenzüberschreitung, die nicht zu tolerieren sei. „Das hat aber nichts mit dem Theater zu tun. Wir müssen schauen, wie wir darauf reagieren.“ Das Theater ende gegen 22 Uhr, da sei die Nachtruhe sichergestellt.

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OP-Benefizvorstellung von Viel Lärm um nichts
Roger Schneider, Anzeigenleiter der Oberhessischen Presse (links), Steffen Schindler, Geschäftsführer der HITZEROTH Druck + Medien GmbH & Co.KG (hinten) und Dr. Christine Tretow vom Hessischen Landestheater übergaben die Preise des Schreibwettbewerbs zu „Viel Lärm um nichts“ an Elke Therre-Staal (von links), Manfred Jobst, Ursula Hirt, Gerlinde Kollrack, die ihre Tochter Yvonne vertrat, und Hannes Kleinhenz.Fotos: Tobias Hirsch

480 OP-Abonnenten und -Kunden sahen am Freitagabend auf dem Marburger Markplatz eine OP-Benefizvorstellung von „Viel Lärm um nichts“ mit einem neuen Ende von Elke Therre-Staal.

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