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Schreibwerkstatt erinnert an Benn

Lesung Schreibwerkstatt erinnert an Benn

„Durch so viele Formen geschritten“ - diese Gedichtzeile von Gottfried Benn trifft gut das Gefühl, das man nach der Lesung der Schreibwerkstatt Marburg am Sonntag im Sitzungssaal des Bauamtes haben konnte.

Marburg. Etwa 50 Literaturinteressierte waren zu der Lesung „Gottfried Benn: Genie?, Barbar?, Frauenverlasser?“ anlässlich des Tags für die Literatur gekommen. Fünf Autorinnen und ein Autor der Schreibwerkstatt Marburg stellten anspruchsvolle und eindrückliche eigene Texte vor, die der Saxofonist Jörg Eichberger musikalisch gekonnt einrahmte.

Passend zum auf das Glasdach trommelnden Regen eröffnete Elke Therre-Staal die Lesung mit einem Auszug aus einem Brief Gottfried Benns, in dem er über Regen und Kälte während einer Pariser Reise im Mai anmerkte, dass man seit Oktober ununterbrochen heizen müsse.

In ihrem Text, den sie anschließend vorstellte, lässt sie aus der Sicht einer Frau mit „löwenfarbenen Haar“ Gottfried Benn in Marburg wieder auferstehen und geht ihm und seiner Beziehung zu Else Lasker-Schüler nach.

Claus Schoendorf leitete seine Lesung mit der Schilderung seiner eigenen Benn-Wahrnehmung als junger und inzwischen reifer Mann ein, deren Wandlung sich in seinen Interpretationen einiger Gedichte des großen Lyrikers widerspiegelte. Gekonnt ließ er dabei Benns Text „Reisen“ in der Jetztzeit ankommen, surfend in der Welt von Wikipedia, Facebook und YouTube.

„In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs“ - mit dieser Anfangszeile aus Benns Gedicht „Teils-teils“ begann Alexandra Pätzolds Familiengeschichte der Nachkriegszeit, die aus der kritischen Sicht der von Gedichten Gottfried Benns begleiteten Tochter Betty erzählt wird.

Darin wird ein Gemälde des Nazivaters nachträglich geschönt, nicht etwa um die Nazimitgliedschaft zu verbergen, sondern um das Familienoberhaupt in den Majorsrang zu erheben.

Mit Kristina Lieschkes Gedichten entstand vor aller Augen ein „löwenfarbenes“ Meer mit einer ambivalenten Sommerstimmung.

Marion Röckinghausen setzte dem Grauen in Benns „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“ eine einfühlsame, weibliche Jetztzeitversion in Form eines Ganges durch das Hospiz entgegen.

Am Ende der Lesung schickte Kerstin Fuchs in ihrem Text „Parcours“ alle Zuhörer noch einmal auf eine Reise, die an eine Geisterbahnfahrt erinnerte. Vorbeiziehend an Leichnamen und Seziertischen, die vor allem in den frühen expressionistischen Gedichten des Arztes Benn Thema sind, sowie in der Begegnung mit Benns sterbender Mutter und dessen Dichterliebe Else Lasker-Schüler findet ein junger Mann schließlich seinen eigenen Weg.

„Die Söhne gehen“, schrieb Benn.

von Hermine Geißler

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