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Schräge Vögel und große Schweiger

Buchmesse Frankfurt Schräge Vögel und große Schweiger

Bibliotheken mit „Personal Trainer“: Die Finnen lassen sich für Leser etwas einfallen. Auf der Frankfurter Buchmesse will das Gastlandder Messe zeigen, dass es auch gute Autoren hat.

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Verlagsmitarbeiter wie Antonia Besse richten mit Hochdruck die Stände für die Buchmesse in Frankfurt her. Für das Publikum geöffnet ist die Messe am Samstag und Sonntag. Foto: Arne Dedert

Quelle: Arne Dedert

Frankfurt. Wer in Helsinki ein gutes Buch sucht, sollte mal in der prachtvollen Bibliothek von Kallio vorbeischauen. In dem 100 Jahre alten Backsteinbau im hippen Szeneviertel zerbricht sich ein „Personal Trainer“ mehrere Stunden lang den Kopf darüber, was für den Kunden als Lektüre interessant sein könnte. Dieser muss der Bibliothekarin vorher nur über seine persönlichen Vorlieben Auskunft geben.

„Jeder hat die Möglichkeit zu lesen“, versichert Bibliotheksleiterin Laura Norris. Kein Lippenbekenntnis in Finnland, dem Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. In jeder Gemeinde findet sich mindestens eine Bücherei - Nutzung natürlich kostenlos. In den dünn besiedelten Gebieten des großen Landes mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern und fast 100000 Seen und Inseln werden Tausende von Stützpunkten von mobilen Büchereien angefahren.

Bibliotheken sind in Finnland immer auch Treffpunkte, und nicht nur zum Kaffeetrinken. Kinder können im PISA-Musterland dort unter Betreuung ihre Hausaufgaben machen. 40 Prozent der Bevölkerung nutzen die Büchereien - eine erstaunliche Zahl. Im Jahr werden 20 Millionen Bücher verkauft, drei von vier Finnen kaufen mindestens ein Buch pro Jahr.

Sogar der Präsident und seine Frau schreiben Bücher

Das Land der Lesenden hat aber auch eine Menge Autoren - sogar der Präsident und seine Frau schreiben Bücher. Dabei ist die finnische Literatur noch jung. Der erste Roman auf Finnisch erschien erst um das Jahr 1850. Grund: 600 Jahre lang war Finnland von Schweden dominiert, dann noch ein Jahrhundert unter der Herrschaft des russischen Zaren.

Heute ist Finnland offiziell zweisprachig, auch wenn die schwedischsprechende Minderheit nur noch rund fünf Prozent ausmacht. Finnlands berühmte Kinderbuchautorin Tove Jansson gehört dazu - die Erfinderin der Mumin-Trolle wäre im August 100 Jahre alt geworden.

Das Problem der Finnen ist jedoch, dass nur wenige Autoren im Ausland so richtig bekannt sind. Dies soll sich auf der Frankfurter Buchmesse, dem weltweit wichtigsten Branchentreff, ändern. Allein 130 Belletristik-Titel kommen bei mehr als 50 Verlagen heraus. Die Finnen haben dafür großzügig Übersetzungshilfen geleistet. Allerdings hat die mit dem Nokia-Niedergang einsetzende Wirtschaftskrise die Finanzierung des Messeprogramms ins Wanken gebracht.

Vom Finnlandkrimi zum Großstadtroman

Die Qualität stimmt jedenfalls. Entgegen mancher Vorurteile ist Finnlands Literatur keineswegs verschlossen. Dafür ist das Land inzwischen viel zu globalisiert. Es finden sich alle Genres - vom Großstadtroman bis zum Finnlandkrimi, der sich inzwischen auch in Deutschland etabliert hat. Spätestens seit den Filmen von Aki Kaurismäki gelten die Finnen als schräge Vögel und große Schweiger. Kein Wunder, dass satirisch schreibende Autoren wie Tuomas Kyrö und Arto Paasilinna in Deutschland sehr erfolgreich sind. Ansonsten geht es aber sehr ernsthaft zu - ob im Eheroman von Philip Teir („Winterkrieg“) oder der Inselsaga von Ulla-Lena Lundberg („Eis“). Renommierte Autoren sind auch Markus Nummi, Leena Lander, Hannu Raittila und Rosa Liksom. Zu den Shootingstars gehören Juha Itkonen und Johanna Holmström.

Einige der im Ausland bekannten Autoren wie etwa Kjell Westö beschäftigen sich mit der Geschichte des Landes, vom Bürgerkrieg bis zu den Verstrickungen Finnlands im Zweiten Weltkrieg. Sofi Oksanen, dank ihres schrillen Outfits der Popstar der finnischen Literatur, hat sich dem Thema Stalinismus in der alten Sowjetunion gewidmet.

Historisch war Finnland immer stark mit Deutschland verbunden. Es waren die Deutschen, die 1917 im blutigen Bürgerkrieg mit dem Eingreifen der Ostsee-Division den Sieg der Bürgerlichen herbeiführten. Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Finnen zunächst auf der Seite von Nazi-Deutschland gegen die Sowjetunion. Auf dem Rückzug hinterließ die Wehrmacht dann in Lappland verbrannte Erde. Nach 1945 war Finnland lange mit Moskau durch einen Freundschaftsvertrag verbunden. Inzwischen sei Finnland „fast ein ganz normales Land“, sagt der 38-jährige Itkonen.

von Thomas Maier

Service
Rund 3500 Veranstaltungen stehen auf dem Programm der Frankfurter Buchmesse, die heute um 17 Uhr eröffnet wird und am Sonntag endet.Privatbesucher können nur am Messewochenende an der Buchmesse teilnehmen: Am Samstag von 9 bis 18.30 Uhr und am Sonntag von 9 bis 17.30 Uhr. Die Tageskarte kostet 18 Euro (ermäßigt 12). Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt, Kinder bis 14 Jahre nur in Begleitung eines Erwachsenen.
Hintergrund:Wie der deutsche Buchmarkt tickt

Umsatz: Fast zehn Millarden Euro setzt der Buchhandel um. Die Erlöse sind tendenziell rückläufig, 2013 (9,54 Milliarden) gab es ein mageres Plus von 0,2 Prozent.

Wer macht das Geschäft? Der klassische Buchhandel immer noch etwa zur Hälfte (48,6 Prozent). Übers Internet wird inzwischen fast jedes sechste Buch (16,3 Prozent) verkauft.

E-Books: Sie sind inzwischen bei fast allen Verlagen im Programm. Der Umsatzanteil liegt aber erst bei 3,9 Prozent, bei starkem Wachstum.

Wer liest? Es sind vor allem Frauen: 46 Prozent greifen täglich oder mehrmals zu einem Buch, aber nur 30 Prozent der Männer. Am meisten lesen Menschen im Alter von 60 bis 69 Jahren Bücher – und Großstädter.

Wer kauft? Wiederum das weibliche Geschlecht: Mehr als zwei Drittel der Frauen haben 2013 ein Buch gekauft – nur 53 Prozent der Männer. Auch beim Kauf von E-Books haben Frauen inzwischen die Männer leicht überholt.

Kinder: Bei den Kids zwischen 6 und 13 Jahren liegt das Bücherlesen (KIM-Studie von 2012) auf Platz 12 der liebsten Hobbys. 51 Prozent interessieren sich für Bücher, 14 Prozent der Kinder lesen täglich, allerdings sind darunter deutlich mehr Mädchen als Jungen. Der Anteil der Kinder- und Jugendbücher am Umsatz liegt bei etwa 16 Prozent.

Was wird gelesen? Gut jedes dritte verkaufte Buch (33,8 Prozent) gehört zu Romanen, Krimis, Fantasy oder Comics. Ratgeber werden immer beliebter und machen fast 15 Prozent des Umsatzes aus. Lexika und Nachschlagwerke sind die großen Verlierer gegen das Internet.

Topseller: Deutscher Spitzentitel im vergangenen Jahr war der „Hundertjährige“ von Jonas Jonasson vor Timur Vermes‘ Hitler-Persiflage „Er ist wieder da“. Übrigens: Der Stapel mit allen Neuerscheinungen in Deutschland wäre 2500 Meter hoch.

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