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Schöne Effekte, Mangel an Spannung

Theaterpremiere in Gießen Schöne Effekte, Mangel an Spannung

Was ist eigentlich Identität? Kann man sie erringen oder sogar verlieren? Das sind die Fragen, die Philipp Löhle mit seiner 2013 am Staatstheater Mainz uraufgeführten Komödie „Nullen und Einsen“ stellt.

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Die Inszenierung „Nullen und Einsen“ am Stadttheater Gießen geizt gewiss nicht mit schön anzuschauenden optischen Effekten.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Am Samstag hatte das Schauspiel in einer Inszenierung von Dirk Schulz am Stadttheater Premiere. Und am Ende gab es freundlichen Applaus für das Stück, das gut eine Stunde lang als grundsolides und gut gemachtes Unterhaltungstheater daherkommt.

Löhles Thema ist die Frage nach den Bedingungen menschlicher Identität, die durch den Titel des Schauspiels mit Computer und Internet in Verbindung gebracht wird. Formal kommt das Sujet in „Nullen und Einsen“ in einer Folge von Episoden daher, die durch einen Hauch roten Faden zusammengehalten werden. Damit zunächst zur Habenseite der Gießener Inszenierung. Schulz hat diese Aneinanderreihung von jeweils kaum wenige Minuten dauernden Kurzszenchen als rasante Bilderfolge auf die Bühne gebracht. Vor allem in der ersten Stunde macht es richtig Laune, diesen raschen Wechsel zu erleben, einfach weil es so viel zu sehen gibt.

Auch dank Bernhard Niechotz, der sein Bühnenbild mit einer ganzen Reihe optischer Leckerbissen versehen hat, wie etwa einer Art Spinnennetz, das sich über den Boden zieht, und einem großen Spiegel, der dem Raum erhebliche Tiefe verleiht. In Sachen Kostüme setzt Niechotz in Grunde genommen auf Alltagsbekleidung. Kurz gesagt, eine Stunde lang bieten Schulz und die Seinen gut gemachtes Unterhaltungstheater im Sinne von Spektakel.

Jetzt zum großen Aber: Dieses Spektakel bezieht seinen Reiz vor allem aus seiner Fokussierung auf Rasanz, Situationskomik und Visualität und damit letztlich aus Effekten. Deutlich fehlt es an inhaltlicher Tiefe im Sinne von kongruenter Handlungsmotivierung. Das hat fatale Folgen, denn dieser Mangel führt dazu, dass etwas wie Spannung nicht aufkommt. Da sich das Unterhaltungspotenzial der Effekte allerdings nach gut einer Stunde verbraucht hat und die Luft damit im dramaturgischen Sinne aus der Inszenierung raus ist, heißt es durchhalten bis zum bitteren Ende - der Theaterabend dauert mehr als zwei Stunden.

An den Schauspielern lag es allerdings nicht. Denn das Ensemble mit Rainer Hustedt, Harald Pfeiffer, Lukas Goldbach, Anne-Elise Minetti, Roman Kurtz, Pascal Thomas, Vincenz Türpe, Rula Badeen und Milan Pesl zeigte sich am Samstagabend bestens aufgelegt. Voller Spielfreude und mit reichlich Witz und Finesse ging die Truppe zu Werke, so dass die schauspielerische Leistung sicher als Plus dieser Inszenierung zu werten ist.

Damit zum Fazit: Gut eine Stunde lang bieten Schulz und die Seinen gut gemachtes Unterhaltungstheater. Dann ist die Luft raus aus der Inszenierung, die an ihrem Mangel an Spannung krankt. Schade.

Weitere Aufführungen am 17. und 25. Mai, 5. und 29. Juni und 12. Juli jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus. Informationen im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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