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Schocktherapie – nicht jugendfrei

Theater Schocktherapie – nicht jugendfrei

Mit eher verhaltenem Applaus reagierte ein spürbar irritiertes Publikum am Freitagabend auf die Premiere des Stückes der Engländerin Sam Holcroft. Regisseur Marc Wortel verordnet dem Publikum eine Schocktherapie.

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Das Bühnenbild besteht aus einem riesigen Holztrichter. Dem Hamsterrad können auch Edward (Tobias M. Walter) und Ana (Gergana Muskalla) nicht entkommen.

Quelle: Ramon Haindl

Marburg. Was bleibt haften nach gut 90 ziemlich verstörenden Minuten? Einmal das eindrucksvolle Bühnenbild von Christian Werdin. Es besteht einzig aus einem riesigen hölzernen Trichter. Es ist der rollende Hamsterkäfig, in dem die Protagonisten gefangen sind. Dann die schillernd-ironischen Kostüme von Renske Kraakmann. Fünf mitreißend agierende Darsteller, die oft an ihre Grenzen gehen. Und als Fazit des Stückes: der Körper ist eine Ware. Im knallharten Kapitalismus dieser Tage ist er ein Konsummittel, das mit Hilfe der plastischen Chirurgie renoviert wird wie ein Auto.

„Solange du lügst“, das Erstlingswerk der erst 28 Jahre alten Schottin Sam Holcroft, beginnt als harmlose Gesellschaftssatire, entwickelt sich aber zu einer zynischen, oft urkomischen und genauso oft ernüchternd-irritierenden Groteske über menschliche Beziehungen in einer Zeit, in der Pornografie ein fast salonfähiger Markt zu werden scheint, der über die neuen Medien und Handydownloads längst die Schulhöfe erreicht hat.

Der junge Berliner Regisseur Marc Wortel provoziert mit seiner drastischen Inszenierung, die sexuelle Beziehungen und Dienstleistungen nicht nur andeutet, sondern explizit ausspielt, ein an Klassiker gewohntes älteres Publikum und verstört vermutlich Teenager, denen der Gefühlsüberschwang eines Werther aus der Zeit des Sturm und Drang vor mehr als 200 Jahren näher sein dürfte als die erschreckend realistische Darstellung des Körpers als Kapital in der Gegenwart.

„Solange du lügst“ ist ein Fünf-Personen-Stück. Es spielt in einer anonymen und beliebigen (Groß-)Stadt der westlichen Zivilisation. Doch von dieser Zivilisation ist nicht viel geblieben im Kapitalismus, der bis hinein in engste Beziehungsgeflechte regiert.

Ana (Gergana Muskalla) ist eine gebildete Immigrantin. Sie träumt vom sozialen Aufstieg, arbeitet aber als Sekretärin. Edward (Tobias M. Walter) ist ihr Freund. Der junge Mann, den Kostümbildnerin Renske Kraakmann in ein mintgrünes Kinder-Supermann-Kostüm gesteckt hat, ist der Einzige, dem in 90 Minuten das Wort „Liebe“ über die Lippen kommt. Nach einem banalen Streit kommt es zur Trennung und Edward bricht mit einer kleinen Fahnenstange und einer Dauererektion zu seinem Kreuzzug für die „Wahrheit“ auf.

Unterdessen hat sich Ana mit ihrem Chef Chris (Daniel Sempf) arrangiert: Sex gegen bessere Bezahlung. Ihr Körper, nicht ihr Intellekt, soll sie voranbringen.Während Chris zunehmend Gefallen an den sexuellen Ausschweifungen mit seiner Untergebenen findet und die Grenzen stetig verschiebt, spielt er zu Hause den treusorgenden Ehemann und Vater. Dort erwartet ihn Helen (Franziska Knetsch). In ihren pastellfarbenen Baby-Dolls legt Franziska Knetsch die Rolle mitreißend als kuriose Mischung aus Doris Day und knallhart berechnender Frau an, die alles für ihren sozialen Status tun würde.

Mitten hinein in dieses fragile Geflecht platzt Ike (Jürgen H. Keuchel). In seinem blütenweißen Anzug mit Kettchen und einem langen grauen Haarzopf wirkt er wie ein US-Fernsehprediger. Kühl und emotionslos verkauft er seine Heilslehre – die plastische Chirurgie, die verkorkste Typen zu vermeintlich neuen Menschen macht. Die beiden Frauen lassen sich darauf ein – und aus Ana wird eine Barbie-Puppe.

Übersetzt wurde die bitterböse Satire von dem Marburger Chefdramaturgen Alexander Leiffheidt. Sie lebt von schnellen, temporeichen, bisweilen zynischen Dialogen, die oft ins Schwarze treffen. Neu aber ist das alles nicht. Insbesondere die Filmindustrie hat das Thema fragiler Beziehungen mehrfach durchexerziert. Auf der Bühne jedoch ist die Auseinandersetzung mit dem Körper als Ware in dieser direkten Form zumindest im eher betulichen Landestheater-Milieu weitgehend unbekannt. Wenn Ike dem unter Erektionsstörungen leidenden Edward Erleichterung verschafft, wenn „ficken“ eines der gebräuchlichsten Wörter in dem Stück ist und wenn Chris mit Ana auf der Bühne seine Sexfantasien auslebt, ist das im 21. Jahrhundert weit weg von einem Theaterskandal, aber als Bühnenprovokation sicher nicht jedermanns Geschmack.

„Solange du lügst“ ist am 25. Mai wieder zu sehen.

von Uwe Badouin

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