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„Schere - Stein - Papier“ entscheidet

Poetry Slam „Schere - Stein - Papier“ entscheidet

Beim jüngsten Poetry Slam im KFZ tauschten die Slammer ihre Texte untereinander aus - und trugen diese dann den 230 Zuschauern vor. Auch die Ermittlung des Siegers hatte mit dem traditionellen Ablauf rein gar nichts zu tun.

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Tabea Reinelt gehörte zu den Slammern, die im KFZ ihre Dichterkunst unter Beweis stellten.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Acht Slammer standen auf der Bühne, aus Frankfurt, Kassel und Darmstadt waren sie angereist, auch Marburg war vertreten. Allerdings fehlte einer der zwei Eckpfeiler des KFZ-Slams - Slammer-Urgestein Bo Wimmer. Laut Lars Ruppel, der den Poetry Slam für gewöhnlich mit seinem kongenialen Partner moderiert, treibt sich Wimmer beruflich in Berlin herum. So musste Ruppel den Laden quasi alleine schmeißen, was die Marburger Dichter-Ikone dank ihrer rotzfrechen und erfrischenden Art mit Leichtigkeit meisterte und als Epizentrum der guten Laune fungierte.

Doch es ging nicht nur um Spaß und Spannung an diesem Abend. Ein Text handelte vom Empfinden eines magersüchtigen Mädchens. Ein zweiter, gelesen vom Slammer Jey-Jey Glünderling, rückte Leidenswege von afrikanischen Flüchtlingen, die übers Mittelmeer nach Europa kommen, in den Fokus. Es herrschte absolute Stille unter den Zuhörern, als diese Texte vorgetragen wurden. Dennoch stand der Humor bei dem Überraschungs-Poetry-Slam im Vordergrund. Unter anderem, als es um den Künstlernamen Jey-Jey Glünderling ging. Da sich Glünderling, der seinen bürgerlichen Namen lieber geheim hält, dieses Pseudonym auch in seinen Personalausweis habe eintragen lassen, sei er zum „Phantomias der Slammer-Szene“ geworden und habe so der deutschen Bürokratie den Mittelfinger gezeigt. Notwendig sei der extravagante Künstlername allemal, da Alkoholexzesse und Fäkalhumor in Slam-Texten nun einmal nicht von jedem Arbeitgeber gutgeheißen werde. Das Publikum lachte Tränen.

Sechs Slammer standen im Finale. Kurzerhand verordnete Ruppel, dass der 80. Poetry Slam mittels „Schere - Stein - Papier“ entschieden werde. Die Verwirrung war perfekt, als der Moderator informierte, dass der Slammer Jakob Kielgass die Veranstaltung vorzeitig verlassen musste. Was nun? Aufs Geratewohl beorderte Ruppel einen unglückseligen Zuschauer auf die Bühne und begrüßte ihn mit den Worten „Du bist jetzt Jakob!“. Das Gelächter war groß, als der Zuschauer bis ins Halbfinale vordrang. „Dir ist klar, dass der Gewinner als Abschluss immer einen Text vortragen muss, oder?“, richtete sich Ruppel mit einem hämischen Grinsen an den Ersatz-Jakob, der jedoch letztlich ausschied. Siegerin wurde Joki Keillen aus Kassel.

Auf die Frage, wie es zu dem ungewöhnlichen Konzept bei diesem Slam gekommen sei, stellte Ruppel lächelnd die Gegenfrage: „Kann man das, was auf der Bühne passiert ist, überhaupt als Konzept bezeichnen?“

von Benjamin Kaiser

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