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Scharfe Blicke auf den deutschen Alltag

Der Autor Erich Loest ist tot Scharfe Blicke auf den deutschen Alltag

Jahrzehntelang schrieb er Romane und Erzählungen, jetzt ist Erich Loest mit 87 Jahren gestorben. In Erinnerung bleibt er als Chronist deutsch-deutscher Geschichte.

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Das Archivfoto zeigt den Schriftsteller Erich Loest in seiner Wohnung in Leipzig. Loest sprang am Donnerstagabend aus einem Fenster der Leipziger Uni-Klinik.Foto: Hendrik Schmidt

Quelle: Wolfgang Kluge

Leipzig. Das Alter forderte seinen Tribut. In seinen letzten Lebensjahren konnte Erich Loest nur noch wenig schreiben: „Einen Roman überblickt man nicht mehr in diesem Alter, da sind einem Grenzen gesetzt“, sagte der Leipziger Autor zu seinem 85. Geburtstag im Jahr 2011.

Dennoch konnte er seine Leidenschaft nicht lassen. Erst vor einigen Tagen erschien eine letzte Erzählung „Lieber hundertmal irren“. Jetzt ist der Schriftsteller mit 87 Jahren gestorben. Die Polizei geht bislang von Selbstmord aus. Demnach sprang der Autor am Donnerstagabend aus einem Fenster der Leipziger Uni-Klinik.

Zwischen seinem ersten und seinem letzten Roman - „Jungen, die übrigblieben“ (1950) und „Löwenstadt“ (2009) - liegen Dutzende Werke, in denen Loest mit einem scharfen Blick auf den Alltag die politischen Verhältnisse in Deutschland beschrieb.

In seinen Romanen und Erzählungen setzte er sich immer wieder mit der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung auseinander.

Die deutsche Geschichte hat Loest wie nur wenige andere Autoren auf wechselhafte Weise am eigenen Leib erfahren: Er war junger Soldat im Zweiten Weltkrieg und NSDAP-Mitglied, trat erst mit voller Überzeugung in die SED ein und später desillusioniert wieder aus. Er verbüßte sieben Jahre wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ im gefürchteten Stasi-Knast in Bautzen - für ihn „gemordete Zeit“, wie er in einer Autobiografie schrieb.

Loest wurde im sächsischen Mittweida geboren. 1946 absolvierte der Sohn eines Eisenwarenhändlers ein Volontariat bei der „Leipziger Volkszeitung“. Nur kurz durfte er danach dort als Kreisredakteur arbeiten. Nach einer vernichtenden Kritik seines Roman-Debüts verlor er die Stelle - und wurde freier Schriftsteller. Allein zwischen 1965 und 1975 verfasste er elf Romane und 30 Erzählungen, teils unter Pseudonym, da er in der DDR noch verfemt war. Die Stasi hatte ihn lange im Visier.

Aus Protest gegen die Zensur seines Romans „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) trat der Autor 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Weil seine oppositionelle Haltung große Repressalien auslöste, siedelte er 1981 in die Bundesrepublik über.

Nach dem Fall der Mauer kehrte Loest schnell in seine Wahlheimat Leipzig zurück - und mischte sich in der Stadt immer wieder in aktuelle Diskussionen ein. So protestierte der vom Kommunismus schwer enttäuschte Leipziger Ehrenbürger gegen Kunstwerke des realistischen Sozialismus im öffentlichen Raum.

Erich Loest war mit Marburg eng verbunden. Mit dem ehemaligen Marburger Oberbürgermeisters Hanno Drechsler verband ihn eine enge Freundschaft.

1984 zeichnete ihn die Neue Literarische Gesellschaft (NLG) mit dem Marburger Literaturpreis aus. Es war die erst zweite Auszeichnung für den Schriftsteller, der damals in der BRD lebte.

Ludwig Legge, Vorsitzender der Marburger NLG, sagte: „Ich habe mit Entsetzen von seinem Tod gehört.“ Loest habe oft in Marburg gelesen und das Café Vetter ganz besonders geschätzt. In Marburg stellte Loest auf Einladung der NLG nahezu alle seine großen Romane vor: „Durch die Erde geht ein Riss“ (1981) ebenso wie „Völkerschlachtdenkmal“ (1984) oder „Nikolaikirche“, in dem Loest die letzten Tage der DDR beleuchtete..

Für Legge war Loest ein ganz bedeutender deutscher Autor, ein Chronist der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. „Mit seinen vielen Lesungen in Marburg war er eine feste Größe in unserem Literaturbetrieb“, sagte Legge. Loest habe in Marburg viele Freundschaften aufgebaut.

Der Deutsche Kulturrat würdigte Loest als einen der bedeutendsten Schriftsteller Ostdeutschlands. „In ihm vereinten sich politische Wachsamkeit und überzeugende Fabulierkunst“, sagte die Vizepräsidentin Regine Möbius gestern in einer Mitteilung.

Darin hieß es weiter: „Erich Loests politische Bedeutung, die ihn gleichzeitig als einen maßgebenden Schriftsteller und Chronisten auszeichnete, war sein umfassender Blick auf die tiefere Psychologie der Ereignisse, die sich in all seinen Büchern und kulturpolitischen Aktionen widerspiegelte.“

von Sophia-Caroline Kosel und Uwe Badouin

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