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Salafistische Schocktherapie am Landestheater

Premiere unter Polizeischutz Salafistische Schocktherapie am Landestheater

Fanny Brunner inszeniert Rainer Werner Fassbinders Film "Angst essen Seele auf" aus den 70ern am Hessischen Landestheater Marburg als Stück über die Verführungskraft des Salafismus. Nicht alle Bilder sind stimmig. Für die Premiere gab es dennoch viel Applaus, aber auch Kopfschütteln. Ein Stück mit Diskussionsbedarf.

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Die Frauen in Fanny Brunners Inszenierung „Angst essen Seele auf“ werden mit der Burka unterworfen.

Quelle: Arne Landwehr

Marburg. Was ist das?, werden sich nicht wenige Besucher der Premiere von „Angst essen Seele auf“ gefragt haben. Eine Provokation? Eine Abrechnung mit dem Islam? Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ aufgepfropft auf Fassbinders „Angst essen Seele auf“? Wohl von allem etwas.

Vorab: Die Polizei war mit zwei bewaffneten Beamten vor Ort, um im ausverkauften Theater am Schwanhof nach dem Rechten zu sehen. Denn schließlich unterwandern in der „Angst essen Seele auf“-Version der Fanny Brunner am Hessischen Landestheater Salafisten Deutschland. Seit man weiß, dass auch in Deutschland Islamisten vor Anschlägen nicht zurückschrecken, läuten beim Staatsschutz alle Alarmglocken.

Die Vorlage für die Inszenierung ist ein heute fast vergessener Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974, der allenfalls noch in irgendwelchen Fassbinder-Retrospektiven zu sehen ist. Dessen Geschichte ist schnell erzählt: Emmi (auf der Bühne gespielt von Christine Reinhardt) ist eine verwitwete Putzfrau um die 60. In einer Kneipe, in der Gastarbeiter verkehren, lernt sie den gut 20 Jahre jüngeren Marokkaner Salem (Sebastian Muskalla) kennen, den alle Ali nennen, weil alle „Türken“ bei den Deutschen Ali heißen. Beide sind einsam. Das ungleiche Paar verliebt sich ineinander, heiratet schließlich. Emmis Kinder, Nachbarn, der Vermieter - sie alle zerreißen sich das Maul über den Skandal: So eine alte Frau mit so einem jungen Kerl, eine Deutsche und ein Ausländer. Das geht doch nicht. Das Naserümpfen über diese Verbindung wäre heute wohl kaum kleiner als 1974. Insofern hat sich wenig getan in den letzten 50 Jahren. Geändert aber hat sich die Rolle der Religion. In Fassbinders Film geht es um die Ablehnung von Minderheiten, von „Fremden“, um soziale Unterdrückung, ganz im Duktus der 1968er. Die Religion spielt bei ihm keine Rolle, allenfalls eine ganz untergeordnete.

Drastische Bilder, nicht immer verständlich

In der Inszenierung von Fanny Brunner, die in den Tagen vor der Premiere noch einmal stark überarbeitet wurde, ist das ganz anders. Der Islam steht im Zentrum. Die Bühnenwände sind schwarz, bemalt mit arabischen Schriftzeichen und einigen Bildern. In der Mitte steht ein schwarzer Würfel - Sinnbild für die Kaaba, das Allerheiligste des Islam. Unterlegt ist die Handlung mit arabischer Musik: Allahu Allah. Dieser Raum ist alles zugleich: Emmis kleine Wohnung, das Treppenhaus, die Kneipe, eine Moschee.

In teilweise drastischen Bildern, die sich allerdings dem Betrachter nicht immer erklären, schildern Fanny Brunner und ihr Team (Ausstatter Daniel Angermayr und Dramaturgin Eva Bormann) die schleichende Verwandlung junger Männer von Durchschnittsmenschen hin zu Salafisten. Regisseurin Brunner geht es auch um die Verführungskraft dieser Religion: Stefan A. Piskorz etwa mutiert - während er im sanften Predigerton für den Islam wirbt - von Szene zu Szene weiter vom Mann in Jeans optisch in Pierre Vogel, den wohl bekanntesten Konvertiten der deutschen Salafistenszene. Im Stück heißt er sogar Pierre.

Maximilian Heckmann wird vom deutschen Proll zum Salafisten und beschwört in süßlichem Ton die Gleichheit von Mann und Frau im Islam, wirft ihnen gleichzeitig die Burka zu, das Zeichen der Unterwerfung: Am Ende hocken alle drei Frauen - Christine Reinhart als Emmi, Lisa-Marie Gerl als Wirtin und Tochter, Katrin Hylla als Nachbarin - in Burka auf dem Boden, den Kopf gesenkt.Vorher waren sie noch Ehefrau, Sexobjekt oder einfach nur ein deutsches „Schwein“.

Inszenierung bietet Diskussionsstoff

Drastisch ist auch eine Szene, in der Ali ein Märtyrerstirnband umgebunden wird: Nur bekleidet ist mit einem Slip soll diese Szene Assoziationen an die Kreuzigung Jesu wecken.

Längst ist die deutsche Fahne, die anfangs noch in der Ecke stand, zerbrochen. Am Ende steht im Hintergrund die schwarze Fahne des Islamischen Staats, Symbol für blutigen Terror. Und Pierre macht klar: „Wir gehen keinen Millimeter zurück, auch wenn es uns das Leben kostet.“

Die Inszenierung bietet reichlich Diskussionsstoff, auch wenn viele Szenen unverständlich bleiben oder einfach albern sind - wenn etwa der fast nackte Ali minutenlang über die Bühne tanzt oder am Ende mit Bühnenblut bestrichen wird. Oder wenn sich Proll-Sohn Bruno bei seiner Mutter heulend entschuldigt. Wieso, weshalb, warum?

Weitere Aufführungen sind am Mittwoch (mit Stückeinführung) sowie am 19., 22. und letztmals in dieser Spielzeit am 31. Mai jeweils ab 19.30 Uhr zu sehen.

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