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Romantisch-opulente Musikdramatik

Max Bruchs Oratorium "Moses" Romantisch-opulente Musikdramatik

Nach gut zwei Stunden feierte das faszinierte Publikum am Samstag in der fast vollbesetzten Lutherischen Pfarrkirche St. Marien alle Mitwirkenden mit Applaus im Stehen.

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Der Chor und das Orchester der Kurhessischen Kantorei ließen bei Max Bruchs Oratorium „Moses“ die Kirchenmauern der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg mit opernhafter Schlagkraft geradezu erbeben.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Standing Ovations belohnten die Kurhessische Kantorei Marburg und ihren Leiter Uwe Maibaum für das weitgehend geglückte Wagnis, Max Bruchs selten gespieltes biblisches Oratorium „Moses“ erstmals dem Marburger Publikum vorzustellen.

Bruch ist ein sogenannter Ein-Werk-Komponist: Von seinem umfangreichen Schaffen hat sich als Repertoire-Renner nur das in den 1860er-Jahren komponierte g-Moll-Violinkonzert erhalten - und als kleines Anhängsel „Kol Nidrei“ für Violoncello und Orchester. Obwohl Bruch in allen musikalischen Gattungen zu Hause war, hielt er selbst die Oratorien für seine wichtigsten Werke. Sie thematisieren als Dokument der gründerzeitlichen Musikkultur vor dem Hintergrund antiker, mythologischer, historischer und biblischer Stoffe die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Forderungen an die im Mittelpunkt stehenden Führergestalten. Ein Musikologe hat sogar den biblischen Propheten Moses in der Sichtweise des Bismarck-Verehrers Bruch als „Hommage auf den Eisernen Kanzler“ bezeichnet.

Bruch war zeitlebens auch musikalisch ein Konservativer, der von seinen Zeitgenossen nur Johannes Brahms gelten ließ, scharfzüngig gegen die Neuerer Franz Liszt, Richard Wagner und Richard Strauss zu Felde zog. Sein Idol war Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Oratorien „Paulus“ (1836) und „Elias“ (1846) dramaturgisch und musikalisch Vorbild für „Moses“ (1895) gewesen sind.

Chor trägt den größten Part

Den größten und schwierigsten Part hat Bruch dem Chor anvertraut. Er muss als Volk der Israeliten nicht nur ekstatisch Jehova lobpreisen, er zweifelt bei der Flucht vor den ägyptischen Unterdrückern an seinem Propheten Moses, lässt dessen wankelmütigen Bruder Aaron unter Mordandrohungen ein Gottesbild zum Anfassen, das „Goldene Kalb“, erschaffen. Später bittet das Volk winselnd um Gnade, als endlich das Land Kanaan, in dem Milch und Honig fließen, zum Greifen nahe ist. Und schließlich beweint es Moses, den Jehova zu sich gerufen hat.

Ein Laienchor wie die Kurhessische Kantorei gerät in diesem Werk an seine Grenzen. Die waren trotz mehrmonatiger intensiver Probenarbeit noch zu hören, vor allem in den dramatisch aufgeheizten Szenen, in denen sich der Chor, oft in unangenehm hoher Lage, gegen die dunkel getönte, blechbläsersatte Wucht des Orchesters behaupten muss. Da vor allem lasen die Zuhörer im Programmheft mit, um den Text zu verstehen.

Aufgewogen wurde dies jedoch durch die begeisternde Inbrunst, mit der sich die rund 80 Choristen für Bruchs fesselnde Musikdramatik ins Zeug warfen, sowie die eindringliche Differenzierungskunst in den lyrischen Klage- und Lobgesängen.

Engelhafter Sopran und kerniger Bariton

Maibaum baute beim Orchester und bei zwei Solisten auf Kräfte, mit denen er in Marburg schon mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Die Frankfurter Sinfoniker, die sich aus Musikern des Hessischen Rundfunks sowie der Opernhäuser in Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden zusammensetzen, musizierten klangschön, ließen aber auch mit opernhafter Schlagkraft geradezu die Kirchenmauern erbeben. Simone Schwark als Engel des Herrn sang die von der Orgel sanft grundierten Prophezeiungen mit engelhaft leuchtendem Sopran. Jens Hamann gab mit kernigem Bariton der Titelpartie kraftvolle Konturen, bewegte aber auch mit liedhafter Schlichtheit in seinem Abschied vom irdischen Leben.

Für die psychologisch interessanteste Partie hatte Maibaum Michael Siemon verpflichtet. Er verkörperte überzeugend als Aaron einen gebrochenen Charakter, der anders als sein Bruder Moses menschliche Schwäche zeigt. Und er setzte dafür seinen an Mozart geschulten Tenor ein, der auch über die italienische Strahlkraft einer Verdi-Stimme verfügt.

von Michael Arndt

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