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„Rheinländer, aber seriös“

Kabarettherbst „Rheinländer, aber seriös“

Gefeuerter Nachrichtensprecher und - wenn es kommt, wie es das Arbeitsamt will - bald eine lebende Fritte. Elmar Stelzwedel alias Christian Ehring klagte beim Kabarettherbst sein Leid.

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Der Kabarettist Christian Ehring ist als Nachrichtenmann Elmar Stelzwedel unterwegs. Und der hat momentan nicht allzu viel Glück.Fotos: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Wussten Sie, dass Sigmar Gabriel keine Erdbeeren mag und Angela Merkel eigentlich immer Seiltänzerin werden wollte? Elmar Stelzwedel plauderte aus dem Nähkästchen - natürlich unter der Auflage, dass solche Insiderinformationen das KFZ nicht verlassen. Alle Großen der Welt hatte er als „Anchorman“ in Interviews und „Schalten“. Früher fand er englische Begriffe auch immer albern, aber - klingen sie nicht doch schön „smooth“? Vorbei. Jetzt betreibt er Nachrichten nur noch als Ich-AG. Und Auftritte statt der vom Psychiater empfohlenen Tanztherapie.

Hinter Elmar Stelzwedel steckt Christian Ehring - unter anderem Ensemblemitglied des Düsseldorfer „Kom(m)ödchens“, Mitglied im Team der „heute show“ des ZDF und Moderator des NDR-Satiremagazins „Extra 3“. Der Kabarettist versteht sein Handwerk und garniert sein Programm mit Einlagen am Klavier. Bei seinem Auftritt in Marburg am Freitagabend war er zwar durch eine Erkältung etwas gehandicapt, aber so etwas baut ein Kabarettist von Format einfach mit ein. Das Publikum wird zum kollektiven Husten ermuntert - ebenso dazu, auch zum Handy zu greifen, während Elmar versucht, den Spiegel, die Bunte oder zumindest doch die Bravo davon zu überzeugen, die Enthüllungsgeschichte über seine Entlassung zu veröffentlichen. Und bei der Zugabe ist die Erkältung sogar hilfreich.

Auch wenn Grönemeyer-Parodien „hoffnungslos out“ seien - er hat das Schaffen des Musikers auf eine Minute und 30 Sekunden komprimiert und als Grönemeyer singt es sich erkältet leichter, stellt Ehring fest.

Als Elmar Stelzwedel ist er bemüht, seine negativen Gefühle wie vom Therapeuten empfohlen rauszulassen. Und er könnte non-stop rauslassen. Im Lauf des Abends erfährt das Publikum die ganze Geschichte: Von Moni verlassen sagt Elmar live im Fernsehen nichts zum aktuellen politischen Geschehen, sondern: „Moni, komm zurück!“ und wird von Chefin Dr. Friederike-Gesine Herkenrath-Bovenschen gefeuert.

Über Frauen als Vorgesetzte lässt sich der gebeutelte Elmar („Kann diese Frisur lügen?“) ebenso aus wie über „Pussy Riot“ und Helene Fischer, die Fußball-WM und natürlich die Politik. Nicht umsonst erwartete ihn in Marburg die „Info-Elite“ - das habe er gleich gemerkt, sagt Elmar.

Da lässt es sich trefflich philosophieren, dass angesichts des Trends zur Eventisierung und Wolf Biermanns Auftritt im Bundestag demnächst vielleicht Costa Cordalis ein Regierungsprogramm präsentieren könnte. Oder dass derzeit bei der Bundeswehr wohl nur die Hälfte aller Säbel und Steinschleudern funktioniere.

Aber was ist die Politik eigentlich anderes als eine Ansammlung von Typen, die wir schon seit unserer Schulzeit kennen? Ursula von der Leyen die Streberin, Wolfgang Schäuble der Nerd und was die Kanzlerin angeht - die überholt sogar Helmut Kohl in punkto Amtszeit, prophezeit Elmar Stelzwedel. „Irgendwann wird gar nicht mehr gewählt werden.“

Vielleicht ist sie aber auch einfach nur eine Simulation, die Politik - „Matrix 2014, Angie reloaded“? Kein Wunder, dass Stelzwedel von Osama bin Laden in Strapsen träumt und vorschlägt, Bodentruppen aus deutschen Ordnungsämtern zu entsenden, um die Islamisten zu zermürben. An der Hirnforschung fasziniert ihn, „wie das alles funktioniert da oben“ und beim Thema Religion fällt ihm auf, dass die „immer irgendwie untenrum“ ist.

Einige Gags baue er nur für sich selbst ein, gesteht er. Und ansonsten müsse ja jemand den Leuten sagen, wovor sie als nächstes Angst haben müssten.

Am Schluss steht angesichts der Berufsaussicht, künftig als verkleidete Pommes Werbung für „Erikas Grillstube“ machen zu müssen, die Bitte, wenn jemand aus dem Publikum demnächst einer sprechenden Fritte begegnet, solle man doch bitte nett zu ihr sein. „Es könnte auch Claus Kleber sein“.

von Nadja Schwarzwäller

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