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Religion als "Pokémon für Erwachsene"

Anarchie-Kabarett Religion als "Pokémon für Erwachsene"

Bitterböse, politisch unkorrekt und provokativ unterhielt das junge Kabarett-Duo Team und Struppi sein Publikum. Junge wie Alte, Rechte wie Linke wurden nicht verschont.

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Jasper Diedrichsen (links) und Moritz Neumeier zeigten als „Team und Struppi“ ihr Anarchie-Kabarettprogramm „Die Machtergreifung“ im KFZ. Ihr absurd-komischer Protestsong und das Anti-Liebeslied „Schleife im Haar“ gehörten zu den Höhepunkten.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Ganz stark angefangen - aber auch stark nachgelassen. „Am Ende habe ich kaum noch gelacht, eigentlich hätte nach der Pause Schluss sein können“, meinte eine 20-jährige Studentin am Ende der Vorstellung. Das Urteil war wohl ein wenig zu harsch, aber es wirkte schon so, als habe das junge Kabarett-Duo, das in diesem Jahr Förderpreis der Stadt Mainz zum Deutschen Kleinkunstpreis geehrt worden war, nach der furiosen, tempo- und abwechslungsreichen ersten Hälfte ein wenig sein Pulver verschossen.

Beispielsweise hätte man sich im zweiten Teil mindestens noch ein so wunderbar aberwitziges Lied gewünscht, wie die beiden, mit denen Jasper Diedrichsen (23) und Moritz Neumeier (25), der die Gitarre schlug, im ersten Teil das Publikum fast vor Lachen von den Stühlen rutschen ließen. Mit seinem „Protestsong“ krönte er den Abschnitt über die heutige Jugend, die es nicht ertragen könne, dass die Revolutionäre von früher heute in ihren holzvertäfelten Arbeitszimmern sitzen und ihre Eltern seien. „Wir sind eine Generation der Desillusionierung. Wir haben nicht einmal aufrechte Nazi-Eltern, von denen wir uns distanzieren können“, verkündeten beide synchron sprechend.

„Bei diesen ganzen jungen Innenarchitekten, Fotografen und Medien-Kultur-Anthropologie-Design-Studenten wird mein Müll nicht mehr abgeholt. Und die ganzen jungen Kreativen nehmen uns Künstlern die Arbeitsplätze weg“, ärgerten sich die Kabarettisten. Was soll man tun für die Zukunft? Für die Jungen sei Shoppen schon Performance. Die ganzen Modeketten gleichschalten und alle Kik-Kunden mit einem gelben Stern kennzeichnen? Junge Leute würden heute ihren ersten Nervenzusammenbruch kriegen, wenn sie sich für einen der vielen Studiengänge zwischen Erlebnisastronomie und Imker auf Lehramt entscheiden müssten.

Einst hätten die zwei, die zu Beginn ihrer Show ihre Herkunft aus dem humorlosen Norddeutschland drastisch schilderten und die lächelnden Gesichter in Marburg begrüßten, versucht, das System von innen zu verändern und an der Landtagswahl in Schleswig-Holstein teilgenommen. Zwar hätten sie nur neun Stimmen bekommen, aber sie zitierten aus ihren vorbereiten Reden, die sie nach der Machtergreifung gehalten hätten. „Ich hab nichts gegen Ausländer, Behinderte und Schwule - ich bin nur froh, keiner zu sein“. „Besonders am Herzen liegen uns die Kinder. Deswegen machen wir Parteifreizeiten mit denen im Wald und dann fassen wir die an…“ „Wer ist denn Schuld an der Jugendkriminalität - die Jugend. Wir schaffen einfach 12- bis 15-Jährige generell ab - Abtreibung lieber spät als nie.“ Jasper: „Für die ganzen Banker, Broker und Finanzspekulanten haben wir ein Kastrationsprogramm geplant. Moritz: „Das geht nicht, die meisten sind ja beschnitten, damit erreicht man nichts. Das hab ich in der Bild, nein, im Stürmer gelesen…“ „Die Einwanderungsdebatte muss unter dem Motto stehen „Come in and find out“. Und der Religion gaben die Kabarettisten auch eins mit. Gegen ihre Angst suchten sich die Menschen Gott als Beschützer. Dann kam aber der Punkt im Jahr 1095, als der ewig lange Streit zwischen Islam und Christentum begann. „Mein unsichtbarer Freund ist stärker als dein unsichtbarer Freund“, Pokémon für Erwachsene, fanden die beiden aus dem hohen Norden, wo es wenig Jesus, aber viel Fisch gebe.

Je länger der zweite Programmteil andauerte, desto penetranter nahmen die Kabarettisten Positionen rechtsgesinnter, nationalistischer Deutscher oder Pädophiler ein und trieben die provokativen Statements immer mehr auf die Spitze und bis jenseits der Grenzen, bei denen für Viele der gute Geschmack endet. Das allein wurde auf die Dauer langweilig. Dennoch spendete das Publikum viel Beifall und erklatschte sich eine Zugabe.

von Manfred Schubert

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