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Reisenotizen aus 14 Ländern

OP-Buchtipp: Eugen Ruge - "Annäherung" Reisenotizen aus 14 Ländern

Auf seinen Reisen nach Moskau, New York und Peking entdeckt der Schriftsteller eine Welt, die auf erschreckende Weise immer gleichartiger wird.

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Eugen Ruge, der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2011, hat Reisenotizen aus 14 Ländern veröffentlicht. Sein Fazit: Die Länder werden einander immer ähnlicher.

Quelle: Arno Burgi

Nach 30 Jahren ist Eugen Ruge erstmals wieder in Moskau. Dass sich hier einiges verändert hat, erschließt sich ihm gleich am Flughafen, der jetzt „groß, hell, westlich“ ist. In den Straßen der Stadt begrüßen ihn Plakate in schönstem Neurussisch: „Jackpot“, „Hit“. Dass er wirklich in einem anderen Zeitalter angekommen ist, merkt der Schriftsteller aber vor allem, als er das Komintern-Gebäude sucht.

Denn mit dem Begriff wissen die ratlosen Passanten überhaupt nichts mehr anzufangen. Dabei war die „ruhmreiche“ Kommunistische Internationale doch einmal „Herz und Kopf der Weltrevolution“! Im Jahre 2005 durchstreift Ruge die russische Hauptstadt auf den Spuren seiner Familiengeschichte. Er besucht das Jugendstilhotel Metropol, in dem seine Großmutter Charlotte, Mitglied des Geheimdienstes der Komintern, ein Jahr lang auf ihre Verhaftung wartete, die dann wundersamerweise nie erfolgte.

Buchpreis und Prominenz

Im KGB-Gefängnis Lubjanka wiederum wurde sein Onkel Walter verhört, bevor er für zehn Jahre im Arbeitslager verschwand. Später verarbeitet Ruge diese Eindrücke in dem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, für den er 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Der jetzt erschienene Reise-Band „Annäherung“ erzählt noch von einer weiteren Recherche-Reise: nach Mexiko, wo seine Großmutter mit ihrem zweiten Mann in den 1940er Jahren lebte.

Alle anderen Reportagen stammen dagegen aus der Zeit von Ruges großem literarischem Durchbruch oder aus den Jahren danach. Deshalb haben diese Reisen auch einen offizielleren Charakter. Der plötzlich prominente Schriftsteller eilt nun von einem Vortrag zum nächsten, wird von Botschaften und Goethe-Instituten hofiert und eskortiert, begegnet bekannten Autoren auf Lesungen und Partys. Das hört sich zunächst nicht sehr aufregend an, trotzdem gelingen Eugen Ruge in seinem Skizzenbuch eindrückliche Momentaufnahmen von Menschen und Orten.

So wenn er die Stadt Minneapolis beschreibt, die auf ihn einen angeschlagenen Eindruck macht: Unordnung, kaputte Zäune, abblätternde Farbe, Straßen voller Schlaglöcher. Überraschenderweise erwartet ihn an der Uni kein „bornierter Antikommunismus“, die Studenten begegnen ihm mit Sympathie und Aufgeschlossenheit. Das kommunistische Kuba dagegen findet der in der DDR aufgewachsene Schriftsteller schlichtweg desillusionierend: „Wo sind die neuen Werte? Wo ist das neue Leben? Wo ist das Glück? Das, und nicht weniger, hat der Kommunismus versprochen.“

Kritisch, aber amüsant

Bringt China den Menschen Glück? Auf jeden Fall ist das Land ein Kulturschock, aber anders als erwartet. Denn das China des Jahres 2013 ist so aufdringlich kapitalistisch, dass es sich kaum mehr vom Westen unterscheidet: „China ist das neue Amerika!“ Erfolgreiche Dozenten und staatstreue Schriftsteller stellen unverhüllt ihren Reichtum zur Schau. Eine Dozentin lässt sich von ihrem Privatchauffeur abholen, der Autor Li Er leistet sich eine „Kochfrau“.

Neben diesen kritischen Beobachtungen gibt es viele amüsante Stellen in dem Buch. So beschreibt Ruge voller Selbstironie, wie zwei junge Goethe-Praktikanten ihn in Aix-en-Provence in einen Klubkeller zerren, in dem kleine Jungs kleine Mädchen knutschen und ihn dadurch erst so richtig alt aussehen lassen. Irritierend ist eine Begegnung mit einer Frau in halbdurchsichtiger Bluse und mit Harry-Potter-Brille, die sich ihm als Schriftstellerin, Dozentin und Sex-Beraterin vorstellt. Bisweilen hadert der Autor mit der Schnelle und Flüchtigkeit dieser Reisen.

Dann denkt er zurück an die Zeit, da er wenig Geld hatte, aber die Erlebnisse intensiver waren, so etwa bei seiner Fahrt nach Cabo de Gata. Wer die ganze Poesie dieser Reise nacherleben will, der sollte zu Ruges gleichnamigem Buch greifen.

  • Eugen Ruge: „Annäherung. Notizen aus 14 Ländern“, Rowohlt Verlag, 192 Seiten, 19,95 Euro.

von Sibylle Peine

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