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Rachefeldzug im Altarraum

Spielzeitstart des Hessisches Landestheaters Rachefeldzug im Altarraum

Theater in der Kirche, funktioniert das? Das Hessische Landestheater ist das Wagnis eingegangen: „Michael Kohlhaas“ hatte am Samstag in der Pfarrkirche Premiere. Fazit: Das Experiment ist gelungen.

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Michael Kohlhaas (Tobias M. Walter, oberes Foto, rechts) erklärt der Obrigkeit im Beisein seines Knechts Herse (Artur Molin) und seiner Frau Lisbeth (Julia Glasewald) den Krieg. Das rechte Foto zeigt Thomas Streibig als Luther.Foto: Bueseck

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Der Andrang war groß: Fast 300 Zuschauer in der nahezu ausverkauften Lutherischen Pfarrkirche wollten am Samstagabend den Spielzeitauftakt an dem ungewöhnlichen Ort erleben. Am Ende gab es lang anhaltenden, teilweise stürmischen Applaus für das Ensemble, den Chor, der sich aus Mitgliedern der Kurhessischen Kantorei zusammensetzt, für die Musiker und Komponisten Uwe Maibaum und Olaf Pyras und ganz besonders für die künstlerische Leitung um Intendant und Regisseur Michael Faltz.

Faltz präsentiert die berühmte und von vielen Schülern gefürchtete Novelle von Heinrich von Kleist (1777-1811) als dichtes, sehr komprimiertes Kammerspiel, das fast kontinuierlich von den von Maibaum und Pyras komponierten und live gespielten bizarren, oft dissonanten und bedrohlich wirkenden Klanglandschaften begleitet wird. Insbesondere die Perkussion wirkte zumindest bei der Premiere oft sehr laut, was die fünf Darsteller auch an ihre Grenzen brachte: Sie waren teilweise schwer zu verstehen. Dies ist aber das einzige Manko dieses äußerst spannenden und sehr sehenswerten Theaterexperiments.

Optisch ist die Inszenierung ein faszinierendes Erlebnis: Faltz arbeitet zum wiederholten Mal mit den Gießener Lichtdesignern René Liebert und Andreas Mihan zusammen, die das große gotische Kirchenschiff und insbesondere den Bühnenraum rund um den Altar mitreißend in Szene setzen.

Mit wechselnden Lichtstimmungen ergänzen sie visuell die Geschichte des Rosshändlers Michael Kohlhaas, der im frühen 16. Jahrhundert einen blutigen Rachefeldzug gegen die Obrigkeit führt: Mal leuchten die gotischen Spitzbögen tiefrot, mal fällt helles Licht von außen in das Kirchenschiff, mal wird der Altarraum zum düsteren Gefängnis.

Die Bühne rund um den Altar ist mit großen, mobilen Elementen bestückt, die mit einem durchscheinenden Stoff bespannt sind. Eine Stahltreppe führt von der Bühne hinauf in den obereren Rang.Der gesamte Kirchenraum wird von Faltz bespielt und schon beim Betreten der Kirche werden die Zuschauer von dem summenden Chor empfangen, der wunderbare Pferdemasken trägt.

Faltz und Chefdramaturg Alexander Leiffheidt haben die etwa 120-seitige Novelle über Gerechtigkeit und Machtmissbrauch, Ohnmacht und Rache, Moral und Selbstjustiz in eine etwa 70-minütige Spielfassung „gegossen“, beginnend mit dem Disput zwischen dem Rosshändler Kohlhaas und dem Kirchenreformer Luther, dem der Rosshändler seine Motive für seinen blutigen Rachefeldzug erläutert, der in den doppelzüngigen Mühlen der Politik und Justiz endet: Kohlhaas bekommt am Ende zwar recht, wird aber trotzdem hingerichtet.

Aus dem sehr spielfreudigen und hochkonzentriert agierenden Ensemble ragen Tobias M. Walter als Kohlhaas und Thomas Streibig heraus, der alle Rollen der Herrschenden übernimmt - auch die Luthers, womit Faltz deutlich macht, auf wessen Seiten der Kirchenmann stand, der 1529 in eben dieser Lutherischen Pfarrkirche gepredigt hatte.

Die drei neuen Ensemble-Mitglieder - Artur Molin, Thomas Huth und Julia Glasewald - überzeugen ebenfalls gleich in mehreren kleinen Rollen und zeigen, dass sie eine Bereicherung für das experimentierfreudige und mutige Marburger Ensemble werden können.

Weitere Vorstellungen sind morgen Abend sowie am Freitag, 13.September; Mittwoch, 18.September; Sonntag, 22.September; Freitag, 27.September; Freitag, 25.Oktober; Sonntag, 27.Oktober und Dienstag, 29.Oktober jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Informationen gibt es unter www.theater-marburg.de.

von Uwe Badouin

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