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Publikum hat die Qual der Wahl

Scratch Night am Landestheater Publikum hat die Qual der Wahl

Es war ein gelungenes Experiment: fünf Stücke, 21 engagierte Darsteller und - trotz Mai-Einsingen auf dem Marktplatz - 200 Zuschauer, die abstimmen durften.

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Die wollen nur spielen: Drei Darstellerinnen des Theaterjugendclubs des Hessischen Landestheaters in einer Szene, die sich für die „Scratch Night“ vorbereitet hatten.Foto: Bettina Preussner

Marburg. „Scratch Night“ heißt das neue Format, das das Hessische Landestheater am Dienstagabend eingeführt hat. Das Theater importiert damit eine interaktive Form, die vom Londoner Battersea Arts Centre entwickelt wurde. Aus fünf Theaterstücken konnte das Publikum drei wählen. Gezeigt wurden jeweils kurze Ausschnitte aus fünf ganz unterschiedlichen Stücken. Am 29. Juni, in der Endausscheidung, wird dann das endgültige Siegerstück ermittelt, das in den Spielplan 2013/2014 des Hessischen Landestheaters aufgenommen wird.

Publikumsliebling mit der höchsten Punktzahl war am Dienstag der französische Klassiker „8 Frauen“ von Robert Thomas. Die verdrehte Kriminalkomödie, die auch als Film Erfolge feierte, geht in etwa so: Ein Mann lebt alleine inmitten einer Schar von Frauen. Die acht Damen könnten unterschiedlicher nicht sein, vom flotten Zimmermädchen bis zur mäkeligen Schwiegermutter ist alles dabei. Doch alle haben eines gemeinsam: Sie nehmen den Hausherrn aus und gehen ihm gewaltig auf die Nerven. Doch eines Tages: Der Hagestolz liegt tot in seinem Zimmer - mit einem Messer im Rücken. Und eine bange Frage bleibt: Wer ist die Mörderin?

Die junge Schauspiel-Truppe des Theaterclubs spielte das quirlige Stück mit sehr viel Engagement, mit großer Präzision und feinem Gespür für die Details. Man merkte den jungen Leuten an, wie genau sie sich mit den Rollen auseinandergesetzt haben und mit welcher Spielfreude sie bei der Sache waren. Das gilt übrigens für den gesamten Abend: Die Nachwuchsschauspieler glänzten mit ihrem Talent und ihren darstellerischen Fähigkeiten, einer wie der andere überzeugte.

An zweiter Stelle in der Wertung landete das Stück „4,48“, das die britischen Schriftstellerin Sarah Cane verfasst hat. Dieses packende Drama, das die Leiden eines psychisch kranken Mädchens zum Thema hatte, ging unter die Haut, zumal die die jungen Darsteller des Theaterclubs dieses Stück hervorragend in Szene setzten. Gezeigt wurde, wie eine junge Frau zunächst immer mehr ins Abseits driftet, bis sie schließlich in der Psychiatrie landet. Dort gerät sie in die Mühlen eines unbarmherzigen Systems, das sie schließlich in den Selbstmord treibt. Die Schriftstellerin selbst muss ein ähnliches Schicksal erlitten haben.

Den dritten Platz belegte „Dänische Delikatessen“ von Anders Thomas Jensen. Diese makabere Komödie bot rabenschwarzen Humor pur: Ein junger Metzger, der mit seinem Laden in Schwierigkeiten steckt, schließt aus Versehen einen Handwerker im Kühlhaus ein. Der stirbt naturgemäß einen grässlichen Tod. Zunächst verkauft der Metzger aus der Not heraus ein Stück vom Bein des Toten. Als sich diese „Delikatesse“ als besonders schmackhaft und bei den Kunden beliebt erweist, beginnt er einen schwunghaften und lukrativen Handel.

Nicht in die engere Auswahl kamen bei der Abstimmung die beiden Stücke „Nosferatu“ von Klaus Buhlert und „Love and Information“ von Caryl Churchill.

Am Schluss des spannenden Abends gab es nochmals einen Riesenapplaus für die Schauspieler des Theaterjugendclubs. Die 21 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 13 und 25 Jahren proben unter der Leitung der Theaterpädagogin Juliane Nowak. Bei der Bühnenarbeit stehen freie Entfaltung, Eigenverantwortung und vor allem Spaß an oberster Stelle.

von Bettina Preussner

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