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Publikum feiert "Woyzeck" als düsteres Pop-Musical

Hessisches Lnadestheater Publikum feiert "Woyzeck" als düsteres Pop-Musical

Dieser „Woyzeck“ ist düster und macht trotzdem Spaß: Bei der Spielzeiteröffnung am Samstag gab es in der Galeria Classica stürmischen Applaus für die Inszenierung von Intendant Matthias Faltz.

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Noch eine Demütigung: Der Tambourmajor (Artur Molin) verprügelt den verzweifelten Woyzeck (Roman Pertl). Der läuft am Ende Amok.

Quelle: Arne Landwehr

Marburg. Georg Büchners „Woyzeck“ ist ein kleiner Soldat. Ganz unten steht er in der Hierarchie. Er ist ein geprügelter Hund, wird gedemütigt vom Hauptmann, von einem Arzt für medizinische Experimente missbraucht. All dies lässt er über sich ergehen, um etwas hinzuzuverdienen zum kargen Sold, denn er liebt Marie, die ein uneheliches Kind von ihm hat.

Und sie? Sie träumt in all dem trostlosen Elend von einem unbeschwerteren Leben. Das sieht sie ausgerechnet im Tambourmajor, einem feschen Macho. Franz Woyzeck wird wahnsinnig und ermordet Marie.

Das ist im Wesentlichen die Geschichte von „Woyzeck“. Das letzte von nur vier Stücken des 1837 im Alter von 23 Jahren verstorbenen Dramatikers Georg Büchner blieb unvollendet und gehört dennoch seit der Uraufführung 1913 zum festen Kanon an deutschen Bühnen.

Gerade heute gewinnt es ungemein an Aktualität: Leander Haußmann hat am Wochenende „Woyzeck“ zum Spielzeitstart am Berliner Ensemble als Anti-Kriegsstück auf die Bühne gebracht.

Und in Marburg begeisterte Intendant Matthias Faltz am Samstagabend das Premierenpublikum mit einer für Marburger Verhältnisse sehr aufwendigen Produktion. Faltz hat sich für eine Kult-Version des Klassikers entschieden: den „Woyzeck“ mit Musik von Tom Waits und dessen Frau Kathleen Brennan in einem Konzept des US-Regisseurs Robert Wilson.

Woyzeck ist moderne Popkultur

Dieser „Woyzeck“ ist dank der Musik von Waits, der souverän Genres wie Blues, Jazz, Folk und Jazz mixt, ein Stück der modernen Popkultur. Die Geschichte ist noch einmal auf das Notwendigste reduziert, kommentiert wird sie von Waits. Der Song „Misery is the River of the World“ (Kummer ist der Fluss der Welt) gibt den Tenor vor: „Wenn du irgendetwas über die Menschheit sagen kannst, dann, dass es nichts freundliches gibt im Menschen“, heißt es darin.

Düster ist diese Version, die Faltz mit acht Darstellern, acht Tänzerinnen und Tänzern vom Verein Lichtblicke und acht großartig aufspielenden Musikern temporeich und mit beeindruckenden Bildern auf die karg ausgestattete Bühne der Galeria Classica bringt.

Sein Team mit dem musikali­schen Leiter Michael Lohmann, der Choreografin Ekaterina Steckenborn und Ausstatterin Annie Lenk hat tolle Arbeit geleistet: Viele Figuren sehen mit ihren mexikanischen Totenmasken aus, als seien sie direkt einem Tim-Burton-Film entsprungen - auch dies ist heute längst Teil der Pop-Kultur.

Die Darsteller stoßen mit Ausnahme von Artur Molin, der den Tambourmajor als selbstgefällige Hassfigur gibt, gesanglich bisweilen an ihre Grenzen - man merkt, dass starke Sänger das Ensemble verlassen haben. Doch machen sie diese Defizite wett durch schauspielerisch starke Leistungen. Tobias M. Walter ist in einer Doppel-Rolle zu sehen: als Ausrufer fegt er wie ein Frank-Zappa-Double über die Bühne, als Doktor schaut er genauso borniert über das Leid anderer hinweg wie Jürgen Helmut Keuchel als dickfelliger Hauptmann. Thomas Huth spielt wunderbar verwirrt den Narren Karl, Julia Glasewald Woyzecks Nachbarin Margreth.

Dem Marburger Publikum stellen sich gleich drei neue Ensemble-Mitglieder vor: Mitreißend und sehr glaubwürdig spielen Roman Pertl den verzweifelten Woyzeck, der am Ende Amok läuft, und Ayana Goldstein die zerbrechliche Marie, die von ein wenig Glück träumt und „A Good Man is Hard to Find“ ins Mikro haucht. Maximilian Heckmann ist als Andres zu sehen. Am Ende gab es langanhaltenden, stürmischen Applaus vom Publikum und eine Zugabe vom Ensemble.

Ein Großteil des Publikums blieb anschließend zur Premierenfeier mit den „Bixby Brothers“ und dem Marburger DJ-Duo „Aktiv&Anregend“.

  • „Woyzeck“ ist am 9., 14., 17., 20. und 26. September jeweils ab 19.30 Uhr in der Galeria Classica zu sehen.

von Uwe Badouin

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