Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 5 ° Regen

Navigation:
Professor eröffnet Kamera-Museum

Zahlreiche Raritäten Professor eröffnet Kamera-Museum

Ab Samstag gibt es ein neues Museum in Marburg. Es ist klein und sehr speziell. Professor Günter Giesenfeld zeigt ab 17 Uhr im Haus Am Grün 44 
einen Teil seiner großen Kamerasammlung.

Voriger Artikel
Ein gefühlvolles Buch über die Wut
Nächster Artikel
Kammerorchester spielt "Tanzmusik von der Insel"

Günter Giesenfeld hält eine Kamera des französischen Herstellers Éclair aus den 1970er Jahren in den Händen. Daneben steht eine Auricon von Bach aus Hollywood.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Viele Jahre seines Berufslebens hat sich Günter Giesenfeld mit Filmen beschäftigt. Wissenschaftlich als Professor an der Marburger Philipps-Universität und praktisch als Filmemacher. Im Laufe der Jahre hat ihn zudem die Sammelleidenschaft gepackt. Mehr als 400 Filmkameras nennt er sein Eigen. Von kleinen handlichen Normal-8-Kameras für den Urlaubsfilm der Familie bis hin zu großen 16-Millimeter-Kameras für professionelle Ansprüche.

Jetzt, im Alter von 77 Jahren, macht er einen Teil seiner Sammlung öffentlich zugänglich. Dafür hat der 2003 emeritierte Professor ein leerstehendes Geschäft im Haus Am Grün 44 angemietet. Seit Wochen stattet er den Raum aus. Die stille Hoffnung, in seiner Wohnung deutlich mehr Platz zu schaffen, hat sich nicht ganz erfüllt: Rund 150 Kameras, etwa ein Drittel seiner Sammlung, kann er dort zeigen.

Jede Kamera hat ihre Geschichte

Für Filmfans ist die „Sammlung Giesenfeld“ eine Schatztruhe. Ausschließlich analoge Kameras zeigt er. Raritäten wie UFA-Studiokameras aus den 1920er Jahren, Produkte einst namhafter deutscher und Schweizer Hersteller wie Bauer, Nizo oder Bolex, die alle den Sprung ins digitale Zeitalter verpassten und vom Markt verschwanden. Der deutsche Hersteller Nizo etwa war eine Kultmarke, konnte mit den japanischen Herstellern letztlich aber nicht mithalten. Masse schlug Qualität. „Keine deutsche Kamerafirma außer Arri hat den Schritt zur digitalen Technik mitgemacht. Die Folge: 90 Prozent aller Kameras kommen heute aus Japan“, sagt Giesenfeld.

Normal-8-Kameras stehen dort, Super-8-Kameras, mit und ohne Tonspur. Jede Kamera bekommt ein Schild mit Namen, Herstellungsdatum und dem damaligen Preis. Und Günter Giesenfeld weiß zu jeder Kamera eine Geschichte. Begonnen hat seine Filmleidenschaft, anders kann man es wohl nicht nennen, in den bewegten 1960er Jahren.

1968 drehte er seinen ersten Film mit einer geliehenen Kamera. „Es war ein Essay-Film, ein Kunstfilm“, sagt er im Gespräch. 1970 arbeitete er bereits an der Philipps-Universität und drehte kurze Filme mit dem studentischen Filmclub. Er kaufte seine erste 16-Millimeter-Kamera, „eine Eumig, die billigste auf dem Markt“.

Dokumentationen in Kambodscha, Laos, Afghanistan, Äthiopien und Vietnam

Danach ging es Schlag auf Schlag: „Ich habe gespart, und die Kameras wenn möglich gegen bessere eingetauscht.“ 1972 erhielt er eine Professur, damit waren finanzielle Probleme weitgehend gelöst. Giesenfeld arbeitete weiter mit Studierenden, kaufte Kameras – „die brauchten ja welche“.

Daneben drehte er eigene Filme wie „Die Katze und der Hahn“ über Berufsverbote an Schulen. Er ging in Vorleistung und hatte Glück: Dem WDR gefiel der Film, er nahm ihn ins Programm – die Finanzierung war gesichert. Danach drehte er vor allem Dokumentationen für das Fernsehen – in Kambodscha, in Laos, in Afghanistan, in Äthiopien und in Vietnam. Zu dem vom Vietnam-Krieg erschütterten Land hat er bis heute eine enge Beziehung.

Unterdessen wuchs die Sammlung: Anfang der 1980er Jahre kaufte er seine erste sogenannte geblimpte Kamera, also eine schallgeschützte, mit der man gleichzeitig Tonaufnahmen machen konnte. Giesenfeld ist fasziniert von der Technik und ihrer Genauigkeit.

Museum soll Bewusstsein schaffen

Längst war der Kauf von Kameras für die Arbeit mit Studierenden „gleitend in eine Sammelleidenschaft“ übergegangen, wie Giesenfeld erzählt. Er stöberte auf Flohmärkten, Basaren und heute im Internet. „Ich habe gekauft, getauscht, repariert und weggeschmissen.“

Giesenfeld hofft, dass sein kleines Museum auf Interesse stößt. Zuletzt präsentierte er Teile seiner Sammlung bei zwei Ausstellungen zum Marburger Kamerapreis. „Wir hatten in drei Wochen fast 8000 Besucher“, erinnert er sich. Er hofft: „Vielleicht kann das Museum ein Bewusstsein schaffen für den medialen Umbruch von analoger zu digitaler Technik.“

Der Unterschied ist augenfällig: Musste man oft sehr geschickt sein, um in alte Kameras Filme einzulegen, so ist die digitale Technik ungemein bequem. „Aber niemand weiß, wie lange digitale Speichermedien halten. Ich habe Super-8-Filme aus den 50er Jahren, auf denen sind die Farben noch so frisch wie damals“, sagt Giesenfeld. Seine Sammlung von Super-8-Filmen dürfte eine Fundgrube für Sozialwissenschaftler und Historiker sein, so wie seine Kamerasammlung für Technikbegeisterte.

  • Die „Sammlung Giesenfeld“ wird am Samstag um 17 Uhr im Haus Am Grün 44 eröffnet. Sie ist vorläufig nur sonntags geöffnet.

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr