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„Probleme und Gefahren ansprechen“

Diskussion über Salafismus am Landestheater „Probleme und Gefahren ansprechen“

Die Landestheater-Inszenierung „Angst essen ­Seele auf“ rückt Salafisten in den Blick. Am Sonntagabend stand nach der Aufführung eine Podiumsdiskussion auf dem Programm.

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Angst vor dem Fremden, hier ein Szenenfoto aus der Marburger Aufführung mit Lisa Marie Gerl, wird in verschiedensten Formen sichtbar.

Quelle: Arne Landwehr

Marburg. Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ sorgt auch heute noch für kontroverse Diskussionen. Fanny Brunners Inszenierung am Hessischen Landestheater wurde nun für die aktuelle Spielzeit wieder aufgenommen.

Viele der Zuschauer der inzwischen sechsten Aufführung blieben am Sonntag zu einer Podiumsdiskussion, die vom neuen Chefdramaturgen des Hessischen Landestheaters, Franz Burkhard, geleitet wurde. Zusammen mit Burkhard diskutierten die Regisseurin des Theaterstücks, der religionskritische Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl aus Marburg und drei Mitglieder der Performance-Gruppe „12th MemoRise“: Ali Al-Khafadji sowie die Brüder Hassan und Muhammed Geuad, die mit provokanten Kunstaktionen auf die Gefahren von Salafisten aufmerksam machen.

Regisseurin Fanny Brunner wurde von Theaterbesuchern, aber auch von den Mitgliedern von „12th MemoRise“ dafür gelobt, dass das Stück neutral gehalten sei und keine fertigen Antworten liefere, sondern Perspektiven zeige. „Ich denke, dass wir Probleme und Gefahren ansprechen müssen“, sagte die Regisseurin. Ihr Ziel sei es, mit dem Stück die Zunge der Zuschauer zu lösen. Zu ihrer Inszenierung inspiriert worden sei sie insbesondere durch Michel Houellebecqs aktuellem und kontrovers diskutiertem Roman „Unterwerfung“, der ein Frankreich schildert, in dem Islamisten sich auch politisch durchgesetzt haben.

Gruppe will mit Schock-Vorführung provozieren

„Probleme, die wir ignorieren, vergessen uns nicht“, pflichtete ihr Hassan Geuad bei. „Es ist wichtig, dass wir die Gesellschaft endlich erreichen“, berichtete er von der Arbeit der Dortmunder Gruppe. Nicht jeder Muslim sei ein Salafist.

Mit ihren Aktionen schockiert die Gruppe bewusst die Menschen. So stellten sie etwa eine IS-Hinrichtung in der Essener Fußgängerzone nach. Diese Terroristen sähen ihre Taten als göttlichen Akt, der durch Gottes Wille legitimiert sei, kritisierte Ali Al-Khafadji.

Rund 10.000 aktive Salafisten gebe es in Deutschland, meinte der gebürtige Iraker. Sie prägten zu Unrecht das Bild der Muslime in Deutschland. Salafisten wollten missionieren und akzeptierten die Gesellschaftsstruktur in Deutschland nicht. Die Sympathie mit dieser Ideologie sei bei vielen jungen Muslimen groß, dies zeige sich in sozialen Netzwerken.

„Die säkulare Demokratie mit ihrer großen Freiheit bietet viel Platz für Unfug“, kommentierte Joachim Kahl. Das Christentum sei durch die europäische Aufklärung gezähmt worden, so der Philosoph. Er lobte „12th MemoRise“ für ihr Engagement, kritisierte aber auch, dass die Gruppe von einem schöngefärbten Bild des Islams ausgehe. Am Stück war Kahl aufgefallen, wie die Protagonistin Emmi am Ende der Suggestivkraft verfallen sei und schließlich auch eine Burka getragen habe.

Regisseurin Brunner hat in das 70er-Jahre-Stück viele Originaltexte von heutigen Salafisten wie Marcel Krass und Pierre Vogel eingebaut. Auf den ersten Blick seien viele dieser Zitate menschenfreundlich und hätten nichts radikales, erklärte Brunner. Während der Proben habe es im Team oft Diskussionen darüber gegeben.

von Mareike Bader

Sie diskutierten im Anschluss an „Angst essen Seele auf“ über Salafismus: Muhammed Geuad (von links), Ali Al-Khafadji, Hassan Geuad, Chefdramaturg Franz Burkhard, Regisseurin Fanny Brunner und der Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl. Foto: Mareike Bader
 
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