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Poesie des Alltags gegen das Verschwinden der Dörfer

Lesung Poesie des Alltags gegen das Verschwinden der Dörfer

Im Frühjahr wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, vergangene Woche las der junge Autor Saša Stanišic in der Buchhandlung Elwert/Lehmanns.

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Saša Stanišic stellte bei Elwert / Lehmanns seinen neuen Roman vor.Foto: Preussner

Marburg. Mit seinem Charme wickelte er das Publikum sofort um den Finger: Saša Stanišic wirkt natürlich und nett, unkompliziert, direkt und humorvoll. Er strahlte ins Publikum und sagte Sätze wie: „Ich kriege jedes Mal Gänsehaut, wenn ich das lese. Dabei habe ich es doch selbst geschrieben.“

Sein neuer Roman heißt „Vor dem Fest“ und spielt in einem winzigen Dorf in der Uckermark. Es gibt keine Haupt­person, sondern ein Panoptikum an skurrilen Figuren: den toten Fährmann, die nacht­blinde Malerin, die Familie Durden, in der alle zu klein sind, den alten Postboten, der früher bei der Stasi war und jetzt ­Hühner züchtet. Alle kennen seine Vergangenheit und hassen ihn dafür. Durden ist Bürgermeister geworden, ein ehemaliger ­LPG-Vorstand und „erfolgloser“ Ehemann. Eine andere Familie hat „rübergemacht“, jetzt ist sie wieder zurück und wurstelt sich durch den schwierigen Alltag.

Der Alltag ist ein Hauptthema in Stanišics Roman. Es gibt jede Menge witziger Geschichten aus dem täglichen Einerlei des Dorfes: ein Wettkrähen der Zwerghühner, ein Massaker im Hühnerstall, weil der Fuchs mal wieder Hunger hatte, einen Glöckner, dem die Glocken abhanden gekommen sind. Geschrieben sind sie in einer ebenso treffenden wie poetischen Sprache, der Blick ist genau und humorvoll. Immer wieder stellt der Autor „philosophische“ Fragen („Haben Hühner eine Geisteshaltung?“). Und immer wieder blitzen ernste Themen wie Überalterung und Arbeitslosigkeit auf. Erzählperspektive ist das „Wir“, eine Art kollektives Gedächtnis, das als allwissende Instanz auftritt.

Bei der Lesung fragte eine Besucherin den Schriftsteller, woher er die Idee zu seinem Dorfroman gehabt habe. Stanišic berichtete, dass seine Großeltern in Bosnien in einem ähnlichen Dorf gelebt hätten. Sein Großvater sei einer der Letzten gewesen, die dort ausgeharrt hätten. „Ich schrieb an gegen das Verschwinden dieser Dörfer“, sagte der Autor. Vorbild für das fiktive Fürstenfelde im Roman seien zwei kleine Dörfer in der Uckermark, die er mehrmals besucht hat. Auf die Frage, woher er seine glänzende sprachliche Ausdrucksfähigkeit habe, erzählte Stanišic: „Ich hatte zweimal Glück. Ich war an einer internationalen Gesamtschule in Heidelberg, an der ausländische Schüler gefördert wurden. Dann hatte ich einen Deutschlehrer, der mein Schreiben schon früh unterstützt hat.“

Stanišic wurde 1978 in Bosnien geboren und kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Sein erster Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ erschien vor acht Jahren, wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet und in 30 Sprachen übersetzt.

von Bettina Preussner

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