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Plink und Plopp durch Klassik und Pop

Konzert Plink und Plopp durch Klassik und Pop

Hochkonzertant und zum Brüllen komisch: Das „United Kingdom Ukulele Orchestra“ machte am Sonntagabend in der Marburger Stadthalle mehr als zwei Stunden lang riesengroße Sympathiewerbung für ein winziges Saiteninstrument.

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Von „The Clash“ bis zur Opernarie: Das „UK Ukulele Orchestra“ spielte in der Marburger Stadthalle.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Nur mal so zum Vergleich: Mehrere hundert Mandolinenorchester gibt es derzeit in Deutschland, doch sie fristen eher ein Schattendasein. Die Abteilung Zupf und Schrammel mag ihr Stammpublikum haben, vom Kultstatus hingegen sind die Ensembles weit entfernt.

Warum die acht Musiker von der britischen Insel dagegen mit ihren klingenden Fliegenklatschen im Moment jeden Konzertsaal abkochen, ist zumindest auf den ersten Blick eine Überraschung. Die Ukulele, so scheint‘s, hat sich aus der Spielzeugabteilung in den Orchestergraben verirrt: Eine niedliche Miniklampfe mit zigarrenkistengroßem Korpus, bleistiftlanger Mensur und der Saitenspannung ausgeleierter Einweckgummis – was sollen da schon für Töne rauskommen? Plink und plopp machen die angelschnurdünnen Nylonfäden der Ukulele, Akkorde sind gerade mal lange genug zu hören, dass man zwischen Dur und Moll unterscheiden kann.

Wer vor diesem Hintergrund mit Khatchatourians „Säbeltanz“ auf die Bühne geht, will definitiv etwas beweisen: Hört her, was unser Westentascheninstrumentarium zu bieten hat! So minimal die Tonausbeute der Ukulele nämlich auch sein mag – sie ist ein ungeheuer perkussiv daherkommendes Teil, und einen Großteil seiner präzisen Dynamik schöpft das „United Kingdom Ukulele Orchestra“ denn auch aus den rhythmisch fein abgestimmten
Arrangements von Peter Moss.

Kytson Wolfe, optisch ein Cliff-Richard-Klon, sitzt im Zentrum der klimpernden Charmeattacke und moderiert die Show des Oktetts, das durch ein Repertoire zwischen Opernarie und „The Clash“ pflügt. Das allein wäre schon bestes Entertainment, doch zum kompletten Riesenspaß wird ein UKUO-Abend durch kleine, fein gesetzte Comedy-Elemente und große Stimmen - so typisch britisch, dass im Publikum nicht einmal mitgebrachte Union-Jack-Winkelemente deplatziert wirken. Der junge Alan Sweeny, sein Stuhlnachbar Peter Baynes, Sarah Dale, Tony Young, Leslie Cunningham und Andy Wild - sie alle haben ihre große Vokalmomente, bringen ihre Zuhörer mit der „Heidi“-Melodie ebenso zum Klatschen wie mit Bee Gees-Nummern. Da passiert viel zwischen Bühne und Saal, und es passiert noch mehr: Verstärkt durch zwei Stadthallenbesucher, wird das Orchester zwischenzeitlich sogar bei „Muss I denn“ zum Dezett.

Nur einer schweigt schmunzelnd: Dass Bassisten per se coole Typen sind, ist bekannt. Dass Dough Henning vor gefühlten 100 Jahren mit dem legendären Jim Marshall dessen erste Röhrenverstärker entwickelte und seitdem aus der britischen Pop- und Musicalszene nicht mehr wegzudenken ist, weiß dagegen zumindest in Deutschland kaum jemand. Muss auch nicht sein, Big Daddy zupft lächelnd mit dem Timing eines Uhrwerks Reggae wie Radetzkymarsch und verschafft dem Orchester tieftönendes Volumen.

So gelingen denn letztlich auch völlig unangestrengt Monsternummern wie die „Bohemian Rhapsody“ oder ein vokal übereinandergestapeltes Medley aus James Blunts „You‘re beautiful“, „No woman, no cry“, Do you really want to hurt me“, „Let it be“ und „Down under“. All das kommt mit ganz viel selbstironischem Understatement rüber, und es kommt ganz geschmeidig aus der Hüfte - vielleicht ist es ja genau das, was dem einen oder anderen deutschen Mandolinenorchester Kultstatus verschaffen könnte.

von Carsten Beckmann

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